Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 29 (11.7.1853)
- Date
- 1853-07-11
- Page
- Seite 362 (sequence 8)
- Language
- German
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362 waS entschließen muß; denn daß hier ein Heiligthum sei, daS fühlen wir ja doch. Aber welch' ein Heiligthum? Ist es ein Bramanisches oder AegyPtischeS, das wir dumm anstaunen und unS wundern, wie dafür die Menschen solch eine unendliche Mühe übernehmen konnten? Ist eS ein Griechisches,' dessen Götterbilder, an die wir nicht mehr glauben, dennoch unsern Geist erwärmen, unseren Sinnen schmeicheln, unser Gefühl befriedigen? Ist cs ein altdeutscher Hain, grün unter blauem Himmel, wo stille, hehre Frauen wandeln und Geisterstimmen fich hören lassen? Ist rS eine zerfallene Ahnenburg, die uns an daS geheimnisvolle Leben'mahnt, daS, wie wir glauben, da einst herrschte? Ist es ein Heiligthum, in dem, wie in einer Versammlung kindlicher Engelsgestalten, die reinsten und glänzendsten Exemplare deS vollkommensten Bewohners dieser Erde, deS Menschen, ihr schönstes Licht auSstrahlen? Ober gleicht es dem Grabe einer Mutter, wo Wehmuth über den Verlust und Freude über den ehemaligen Besitz sich verschmelzen? Oder ist es ein Hciligthum thätiger Humanität, wo Menschen, die etwas find und etwas haben, fich denjenigen erschließen, die noch nichts find und nichts haben? Einiges ist da von jedem dieser Momente. Aber etwas noch Höheres herrscht vor. Der Jude verlangt deutliche Begriffe, artikulirte Worte. Es ist das plötzliche, aber regelmäßig wifderkehrende Versetzen des gesammten Weltgetriebes in eine höhere Region. So müßte, wenn der Vergleich erlaubt ist, einer Lokomotive zu Muthe sein, die Bewußtsein hätte, wenn sie plötzlich ohne Schrauben und Stoße und Gefahren auf Wolken dahin zöge, den ewigen bestirnten Himmel über fich und am Horizonte rings herum. Aber find wir im Stande, einen solchen Sabbat zu begehen? Hcrausgetteten aus der Unmittelbarkeit, bewußt des Unterschiedes zwischen Hingabe und Ablehnung, umhergeschleudert in den tausend Kämpfen der vervielfältigten Bedürfnisse, der Industrie und des Staatenthumes -sind wir dessen im Stande? Zu einem vollkommenen jüdischen Sabbat gehört nicht daS finstere Gefickt des Puritaners: nein, Freude und Fröhlichkeil ist sein Erforderniß. Wenn der Sklave, ja wenn das Lastthier ruhen soll, kann es da die Absicht sein, ihm durch unverständliche Untersuchungen die frohe Zeit zu rauben, sein Gesicht vor Furcht und Traurigkeit erbleichen zu machen? Nein, keine anständige Lustbarkeit, kein erlaubter körperlicher Genuß ist ja dem jüdische» Sabbat zuwider gewesen. Aber was uns Nachgeb ornen abgeht, daS ist die offene Eorpfänglichkeit, daS ist der ftohe, innige, nicht resiektirende Glauben, den die Vernunft nur mit Freuden auf solcher Bahn erblicken konnte. Der Mann muß mit dem Eintritt der Stunde sei« Arbeitsgerärhe hinwerfen und erlöst ausrufen: „Es ist der Sabbat, es ist die Ruhe gekommen!" Die Hausftau muß daS Beste, waS sie auftreib«» konnte, jeden Schmuck des Hauses und deS Körpers mit tendenziöser Befriedigung bettachten. Sie hat zu der höchsten Gottesgabe die mindere und dennoch schöne gefügt. Von ihr geht der Spruch: „mach Schabbes davon!" aus. Sie bezeichnet damit unwillig Alles, waS ihr nicht reich und würdig genug zu dtt Feier erscheint. Die Eltern müssen ihren Kindern die Hände auflegen, in dem Gefühl, daß der Sabbatsgeist sie zum erfolgreiche» Segen befähigt. Der Kranke muß wirklich seine Schweden vermindett oder seine Kräfte gehoben fühlen. Der Sterbende, dem eS nicht gelungen ist, noch am Freitage zum jenseitigen Sabbat einzugehen, muß aufrichtig hoffen, den nächsten Freitag dott zu feiern. Der Trauernde muß aufhören zu weinen, nicht bloS weil es so befohlen, sondern weil sein Herz eines poetischen freudigen Gefühles ganz erfüllt ist. Der eifrige Raucher, dessen Pfeife sechs Tage lang nicht kalt wird, muß sie am Freitag noch stopfen, um fich den doppelten Genuß gleich nach der Habdola zu sichern. Der Kreis von Freunden, die einander besuchen, von Jünglingen und Jungfrauen, die ihre Familienfeste begehen, müssen von ungezwungenerem Gelächter und Jubel, von lebhafteren Scherzen erschallen, weil es heute Sabbat ist. Die Gesänge des Ehasans in ihrer Unvollkommenheit müssen Ersatz bieten für die Kouzette und Opern der Wochentage. Die Greisin muß nach dem menschenfteundlichen Wahne, den es unS schmerzt Aberglauben zu schelten, den Gatten bitten, doch ein halbes oder ganzes Stündchen später Habdola zu halten, damit die Frevler im Gehinnom (auf das die Dante'sche Ueberschrist überhaupt nicht paßt), die ja mit dem Alltag wieder Pein leiden müssen, noch so viel länger Ruhe haben. Alles, waS unsere Borfahren von dem echten Sab-