Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 29 (11.7.1853)
- Date
- 1853-07-11
- Page
- Seite 360 (sequence 6)
- Language
- German
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360 gemeinden in harmonischen Chören (ja sogar schon zum Klange der GotteSharse) ihre Gebete und Psalmen zum Himmel entsenden; hier sehe ich wahrhafte Pädagogen die Jugend nicht bloS unterrichten, sondern auch erziehen, und Knaben- und Mädchenschulen nach pädagogischen Grundsätzen einrichten; dort erblicke ich einen Rabbiner, der früher dem rollenden Zeitrade in die Speichen fallen zu müssen glaubte, und nun langsam milkreiset und mit dem Strome nolens volens schwimmt, und da wieder einen andern, der nicht von der äußern Nothwendigkeit, sondern von der gewonnenen bessern Ueberzeugung, von der innern Nothwendigkeit gedrungen, selbst gerne Hand an's Werk legt, um den Weinberg des Herrn so schön als gut zu gestalten. Das sind im Ganzen die Ergebnisse meiner Betrachtungen. — DaS interessanteste Bild liefert vor Allem Brünn, die Hauptstadt des Landes. Hier ist bekanntlich noch keine Kultusgemeinde; aber keinem, selbst nicht dem obersiächlichsten Anschauer, kann eS entgehen, wie fichS hier zusehends gestaltet, und mit Freuden kann man sehen, wie sich die hiesige zahlreiche jüdische Einwohnerschaft faktisch zu einer Kulrusgemeinde konsolidirt. Von der Errichtung eines Gottesackers, deren in diesen Blattern bereits Erwähnung geschehen, ging die hiesige Einwohnerschaft bereits zum Tempelbau über. Der Bau wurde bereits mir dem Frühjahre begonnen, und wird der Außcnbau bis zum Winter vollendet sein. Das Gotteshaus im griechischen und maurischen Style wird nach der Versicherung des ausgezeichneten Architekten in der ganzen Monarchie seines Gleichen suchen. Nebenbei kann bemerkt werden, daß der Bau ununterbrochen, selbst am Sabbat und Feiertage geschieht und daß es noch keinem hierländischen Rabbiner eingefallen, gegen diese Maßregel ein Wort zu sprechen. Alle die Herren wissen wohl, auf welchen schwachen Stützen die Gegenmeinung des Magen Abraham beruhe. Auch hört man durchaus keinen Wideripruch gegen die Orgel, die in diesem Tempel ausgestellt werben soll; und bereits wird, um allmälig die Leute daran zu gewöhnen, bei Trauungen u. dgl. Gottesdiensten die Tischorgel gespielt. Eine andere wichtigere Einwendung wäre gegen den Platz zu machen gewesen. Der Platz der Synagoge ist nämlich in einer unbedeutenden Straße der Vorstadt, und selbst der bei der Baukommisston anwesende Regierungskommissär machte dem Herrn Vorstande die Bemerkung, daß es Unrecht sei, ein solches Prachtgebäude, das jedem Theile der Stadt zur Zierde gereichen würde, so zu verstecken, um so mehr, da der Geist der Gesetze und die Gesinnung der Regierung genugsam bekannt sei, zufolge dessen durchaus kein Hinderniß, sondern jedweder Vorschub von ihr zu erwarten war. Der Herr Vorstand mußte aber wohl mit der Kasse zu Rache gegangen sein, und da der Bau auf einem andern Platze ein Mehr von 20,000 fl. C.-M. betrüge, diese Summe aber zu den andern projektirten Bauten (als Wohnung für die Gemeindebeamten, Lehrzimmer zu einer Religionsschule für Mädchen und Knaben in den Normalklaffen, ein Krankenhaus rc.) sehr gut zu verwenden ist, so ließ er eS bei dem alten Platze. DaS sind wohl sichtbare Gestaltungen, deren Keime vor 4—5 Jahren gar nicht geahnt wurden. Nicht minder erfreulich ist die Wirkung deS neulich eingerichteten Religionsunterrichtes auf das religiöse und sittliche Betragen der Jugend. Kinder, die vor V» Jahr ihre freie Stunden im Kaffeehause zubrachten und als müßige Zuschauer die Billard¬ oder Spieltische umstanden, werden nun dafür mit der Bibel in der Hand, bedeutende Stellen memorirend, angetroffen, und sichtbar ist eS, daß andere bessere Begriffe als ehedem von ihrer Religion und ihrem Volke in der Jugend entstehen, so daß über die Zukunft und über die kommende Generation weit ruhiger gedacht werden kann, als vorher; „denn so lange du aus den Schulen die helltönenden Stimmen der toralernenden Schüler vernehmen werdest," wurde nach dem Midrasch dem Kaiser Hadrian geantwortet, „so lange wird daS Judenthum sich erhalten." Mache mit mir nun einen kleinen Ausflug nach der nahen Gemeinde Boskowitz. Hier, lieber Leser trafst du noch voriges Jahr den ganzen Tag über die sonderbarsten Gruppirungen von schmutzigen und zerlumpten Gassenbuben und Gassenmädchen. Sind die Kinder alle nach Amerika geschickt worden? Nein mein Lieber. Hier in diesem Hause sitzen die Mädchen des Ortes. Siehst du, die kleinsten stricken Strümpfe, dort die Größeren nähen Hemden und andere Bedürfnisse für sich und das Haus. Da wird eine Klasse in Religion, dort eine andre in Naturlehre unterrichtet. In den anstoßenden Zimmern siehst du wieder die Knaben des Ortes und kannst dich von ihrem Fleiße und ihren Kenntnissen überzeugen, und