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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-07-11 · Heft 29 (11.7.1853) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 29 (11.7.1853)
Date
1853-07-11
Page
Seite 356 (sequence 2)
Language
German
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356 bringen vermögen werden, um irgend genügende Institute für sich zu schaffen. Wir find allerdings hier mehr als je auf unS selbst angewiesen, denn, sagen wir es unS nur, die außerjüdische Partei, welche etwa für uns in die Schranke treten würde, ist gegenwärtig so beschaffen, daß der alte Spruch der Spanier sich bewahrheitet: „Gott schütze mich vor meinen Freunden!" Diese Gedanken drängten fich unS auf, als wir den Leitartikel der Voss. Ztg. vom 1. Juli lasen. Ob auf Grund jener jüngsten Meldungen aus Kassel, daß dort die jüdische Jugend die öffentlichen Schulen nicht mehr besuchen können solle, oder auf Grund weiterer Kunde, genug der Artikel erklärt fich, nicht gegen KonfessionSschulen, sondern gegen die Ausschließung der Jugend einer Konfession aus den Schulen der andern. Der Artikel ist aber dabei so zynisch und so unlogisch und grundsatzloS geschrieben, daß man den Gegnern nickt Unrecht geben kann, wenn sie solche Ansichten nicht beachtenswerth halten. Wir geben den Anfang des Attikels: „Es ist eine nothwendige Konsequenz der in neuester Zeit fich kundgebenden Bestrebungen, die konfessionellen Unterschiede so scharf als möglich zu betonen, daß man die konfessionelle Sonderung auch auf einem Gebiete durchzuführen sucht, wo sie am allerwenigsten Heil stiften kann, nämlich auf dem Gebiete des Unterrichts. KonfessionSschulen haben zwar immer bestanden, jedoch nicht in solcher Ausschließlichkeit, daß nicht an Otten, wo die eine Konfession als die in der Bevölkerung überwiegende allein repräsentirt war, auch Kinder der entgegengesetzten Konfession in die Schulanstalten ausgenommen worden wären; ja sogar Judenkinder durften die christlichen Schulen besuchen und an dem Unterricht Theil nehmen. Aber mit dieser weitherzigen, echt christlichen Toleranz scheint es in einigen sich vorzugsweise als „christlich" betrachtenden und gebärdenden Regionen Deutschlands ein Ende haben zu sollen. Die Schulen werden purifizirt, die konfessionelle Sonderung soll, wo sie schon bestand, streng fcstzehalten, wo sie noch fehlte, eingeführt werden. Nicht genug, daß die Judenkinder aus den christlichen Schulen entfernt werden, — dies könnte Manchem vielleicht noch, obwohl es zu mißbilligen ist, gerechtfertigt erscheinen, — nein, auch die gegenseitige Ausschließung der christlichen Kinder verschiedener Konfession aus den betreffenden Sckulanstalten wird gefordert. Evangelische Kinder sollen, wenn es auch die Umstände noch so sehr erheischen, keine katholische, katholische keine evangelische Schule besuchen." WaS hat man wohl für eine Bezeichnung für solche Ausdrücke: „ja sogar Judenkinder durften ff.," „daß die Judenkinder aus den christlichen Schulen entfernt werden, dies könnte Manchem vielleicht noch gerechtfertigt erscheinen ff." Und Menschen, denen solche Worte auS der Feder fließen, die wollen fich als Vertheidiger der Toleranz, als Ritter der Humanität spreizen! Und wäre es nicht dabei so kurzsichtig! Also, Ihr könnt Euch einbilden, daß da, wo man die „Judenkinder" auS den öffentlichen Schulen weist, die Katholiken nickt auch die Protestantenkinder, die Protestanten nicht auch die Katholikenkinder ausschließen werden? Wissen es diese Leute nicht, daß die eine Konfession sich eher mit den Juden als mit der andern Konfession vettragen wird? Aber lassen wir die Voss. Ztg. und gehen wir auf die Sache ein. Da, wo man daS Konfessionelle so stark haben will in der Schule, daß man nicht bloS eine konfessionelle Religionslehre, eine konfessionelle Geschickte, nicht blos möglicherweise eine konfessionelle Schreibe- und Rechnenlehre, eine konfessionelle Grammatik haben will, sondern auch die Jugend der einen Konfession von jeder Berührung mit der einer andern Konfession durchaus fern halten will — da verliert die jüdische Jugend sicher nichts bei dem Ausschluß aus derselben, da gewinnt die jüdische Jugend gewißlich durch den Besuch eines eigenen Instituts, wo dann im Sinne deS Propheten ungestört auf das: „Haben wir nicht Alle Einen Vater? Hat uns nicht Alle Ein Gott geschaffen?" (Maleachi 2, 10.) gewiesen und gewirkt werden kann. Aber wenn dieses System konsequent durchgeführt werden soll, wohin soll dieS führen? Abgesehen von dem wahren konfessionellen Kriegszustand, in welchen das ganze Leben in Europa dadurch versetzt würde, müßten wir dann nicht auch konfessionell getrennte Handlungsschulen, Gewerbeschulen, Bauschulen, Gymnasien und Universitäten haben? Nun fteilich ist der Anfang auch hierin schon gemacht — aber eben nur der Anfang. Und dies ist der Trost', daß es bei Anfängen nur bleiben wird, bleiben kann. So wenig das wirkliche Leben wieder in einen fanatisch-konfessionellen Kriegszustand versetzt werden kann, so gewiß dieses Leben über alle Versuche, einen solchen wiederherzustellen verdrängend hinweggehen wird: so gewiß muß auch der Versuch, die Jugend der einzelnen Konfessionen, weil sie am Otte zufällig in der Minorität ist, auS den öffentlichen Anstalten auszuschließen, und um hinzu den Vorwand zu haben, alle Unterrichtsanstalten konsequent für konfessionell zu erklären, scheitern, und wenn er für den Augenblick die höchsten Chancen hat. Wir in Preußen sind

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