Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 28 (4.7.1853)
- Date
- 1853-07-04
- Page
- Seite 352 (sequence 10)
- Language
- German
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332 sich nach Befriedigung aller seiner eigenen Bedürfnisse wohl anziemen darf, angesehen wird, sondern als eine; allgemeine, einem Jeden, er sei reich oder arm, obliegende Ausgabe. Und das gründet sich eben auf das alle, unscrm Spruche zu Grunde liegende Gesetz vom Armcnzchnten, das noch heute bewußt oder unbewußt, in dem jüdischen Herzen, dieser überreichen Fundgrube aller edlen Mcnschenkräfte, wirkt. Es sind mir mehrere Familienhäupter, ja sogar Handlungssirmen, und zwar nicht eben aus der ,,frommen" Klasse bekannt, die ein förmliches Konto über ihren Zehnten führen, und oft in kasuistische Noth kommen, ob sie diesen oder jenen Posten, z. B. was sie für arme Geschwister hergeben, darauf bringen dürfen. Bezeichnend ist folgender wahre, schon sonst mitgctheilte Vorfall. In einem Hofe hier in Hamburg wohnen zwei befreundete arme Juden. A. gewinnt in der Lotterie eine Summe von 1300 Mark und bestimmt 130 für seinen Nachbar B. Da dieser aber nicht gut schweigen kann und dem A. daran liegt, daß sein Glücksfall nicht bekannt werde, so vertraut er sich einem bemittelten Freunde C. an, und läßt dem B. das Geld durch diesen ohne weitere Erklärung zustellen. B. seinerseits geht zu A. und erzählt ihm, da habe ihm der liebe Gott auf ganz besondere Weise Geld zugetheilt, er habe ihm A. den Zehnten davon bestimmt, und bringe ihm hiermit die 13 Mark. A. nahm sie an und warf sie in einen Armenblock. Durch Zufall kam die Sache später an den Tag. Bekannrlich faßte das nachbiblische Judenthum, als das Pathos der Reflcrion Platz gemacht hatte, sein moralisches Grundprinzip nicht mehr in den Gegensätzen des An-fich-Gutcn und Bösen, sondern in denen von Befolgung und Uebertrerung, Mitzwa und Abera, nämlich des Gesetzes, auf. Diese Anschauungen wurzeln noch heule sehr tief in allen Klassen der Juden, oft ganz latent und unbewußt; ja der Begriff Mitzwa lebt noch sehr häusig selbst da, wo das Wort fast unbekannt ist. Hier ein Paar bezeichnende Charakterzüge. Vor einigen 50 Jahren sagte ein hiesiger Mann, Moses L...., zu seiner erwachsenen Tochter: sei mauchel (d. h. entschuldige! oder: um Verzeihung!) und gicb mir eine Tasse Thce. Dieser Ausdruck ward so lächerlich gefunden, daß cS in der ganzen Judengcmeindc eine Zeitlang als Sprüchwort galt: Moses L.... sagt zu seiner Tochter: sei mauchel und gieb mir Thec! Der Sinn war: wie kann der Mann sich bei seiner Tochter wegen der Bemühung entschuldigen, da sie ihm vielmehr zum besondern Dank vcrpsiichret ist, weil er ihr die Gelegenheit zu der Mitzwa verschafft, ihren alten Vater zu bedienen! Und wiederum vor ganz kurzer Zeit sagte Jemand in meiner Gegenwart zu einem ganz jungen modernen sabbatrauchenden Juden, er möge doch nicht Jedem Almosen geben, der ihn darum anspräche; und der junge Mann entgegncte rasch: daß ich ein Narr wäre! Wieder offenbar in dem Sinn: warum sollte ich mir die leichte Gelegenheit entgehen lassen, eine Mitzwa auszuüben'. 0 Laneta obstiuativ! ES ist mir unbegreiflich, wie jüdische Bürger sich in Nordamerika mit ihrem Gewissen abfinden, wenn sie, gemäß dem Kompromiß, aber entgegen dem Gesetz 5. B. M. 23, 15., einen zu ihnen entflohenen Sklaven ausliefern müssen! 14. Kohol und noch Jemand geben nichts yiusch. Uebersetzung: Die Juden können mit den Christen sagen: Es hat die Kirche einen guten Magen. Jndeß doch mit Unterschied! Jüdische Kirchen sind gewöhnlich nur reich an Schulden und Obliegenheiten, und selbst Vermächtnisse fallen nur besonderen Stiftungen, fast nie der Kirchengemeinde als solcher zu. Man sagt freilich oft: nicht vergebens heiße es, Rabbo - nimm, Dajo-nimm, Chaso-nimm; aber haben wir ihnen denn so viel festes Einkommen gegeben, daß sie an das weitere „Nimm" nicht zu denken haben? Und wenn es mit ihrem Nehmen nur noch einigermaßen ginge! aber ein Blick auf die letzte Seite jeder Judenzeitung legt die Misere zu Tage. Es ist schauderhaft, wie Vieles da verlangt, und wie wenig dafür gezahlt wird. Hätten wir eigentliches Kirchcnvermögen. so stellte sich daS fteilich anders. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit; denn erstlich ist die Kirchenverfassung der Juden — zumal der geschichtlichen — zu demokratisch, die jüdische Kirche als abgesondert von der Gemeinde, ist gar nicht denkbar; zweitens harten unsere Vorfahren ihr Geld nicht zum Aufsammeln, sondern zu dringenderen Zwecken nöthig, z. B. zu Leibzöllen, Schutzgeldern, Geschenken für Minister, Maitrcssen und fremde Pfaffen. Die Letzteren besonders hatten sich bei ihnen einen schlechten Ruhm erworben, und daher hört man wohl noch heute sagen: Ein Panim wie ein Mallach, Und ein Herz wie ein Gallach. . d. h. Gesicht eines Himmelsgebornen, Und das Herz von einem Geschornen. Jndeß ist in unserm Spruche nicht eigentlich vom Anfichrasscn, sondern nur vom Uiuschgeben, d. h. Aufgeben, die Rede; und da find wir alle gleich. So