Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-07-04 · Heft 28 (4.7.1853) · p. Seite 350

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 28 (4.7.1853)
Date
1853-07-04
Page
Seite 350 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225851--13232-3299526
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

350 9. Chain geht über Schäin. Uebersetzung: Geist und Anmuth gehn Weit noch über schön. Ein ganz überflüssiges, rautologisches Wort! Als ob eS Schönheit ohne Grazie geben könnteNotabene wenn von Mädchen und Frauen die Rede ist. Sonst freilich ist mir die schöne Madame Müller lieber als der häßliche Herr Till. Das Gegentheil kann aber auch kein Sprüchwort von mir verlangen. 10. Kommen Malos, kommen DaloS. Uebersetzung: Kommt der Geldgewinn. Kommt auch andrer Sinn. Hier in Hamburg sagen wir auch: die guten Herzen wohnen im Senfgang (einem Hofe, wo sehr ärmliche Wohnungen stehen). DaS ist aber nicht einmal halb wahr. Denn erstlich find in den Armenwohnungen eine große Menge schlechter Herzen zu treffen, und eine Menge guter Herzen wohnen in den Palästen. Ob psrcegue, ob guoigue: wer kann das entscheiden? Aber daß andere Lebensanschauungen entstehen, wenn der Reichthum ein neues Ouartier bezieht, wenn Fülle und Sättigung an der Stätte von Mangel und Hunger einkehren, das ist eine der natürlichsten Dinge von der Welt, und sowohl die Philosophie als die Religioslehre sind G. s. D. davon zurückgekommen, Glücksgüter blos Erdenstaub und nichtswürdigen Schmutz zu benennen. Hat A. versprochen, dem B. mit 1000 Thalern zu helfen, als dies noch eine Unmöglichkeit war, so ist er noch kein Schurke, wenn er sein Wvtt modifizirt, da das Geld da ist, und mit ihm Hunderte von neuen Bedürfnissen, die nach Befriedigung schreien, fast so laut wie früher der Magen. Allein unser Spruch wort hat noch eine andere Bedeutung. Wo der Reichthum einkehrt, da entsteht auch eine andre Gesinnung — bei den Nachbarn! Und das ist eins der größten Wunder! Xe8sek wetslier mamseriw, haben schon unsre Alten grob genug gesagt. Nun was Benai Niil»le anbelangt, da quälen wir uns heutzutage nicht sehr; aber andre Metamorphosen find vorgegangen! „Ich finde nicht, daß die Frau sich so geschmacklos kleidet: die gelbe Mütze mit dem kirschrothen Bande kleidet sie noch ganz reizend." — „Der N. ist doch eigentlich ein sehr verständiger Mann; was ihm an Schulbildung vielleicht abgeht, daS ersetzt er durch kräftigen Mutterwitz reichlich." — „Ich muß wirklich gestehen, das Mädchen hat eine ganz allerliebste Stimme, just nicht voll in den oberen Tönen, aber sehr weich an Koloratur, trotz des beständigen VibrirenS! Ein charmanter Junge, und was er für schöne Haare hat!" — Und vorher hieß das alles: Schlittenpferd, Ochsentreiber, Q-uitschliese, Straßenbengel u. s. w., also nicht wahr, die Males haben auch bei de» Nachbarn andere Dalos hervorgerufen! Und noch auf einem andern Gebiet. Sobald Geld an die Stelle des absoluten oder relativen Mangels kommt, findet der Mann auch neue Ressourcen in sich selbst. Der Fabrikant erfindet Manipulationen, der Künstler, der Schriftsteller hat Inspirationen, der Kaufinann entwirft Spekulationen, der Beamte fußt auf Protektionen, die Dame macht Prätenfionen, ja selbst die alte Jungfer fühlt noch Inklinationen, deren Saaten alle erst durch den Goldregen zum Keimen gebracht sind. Darum: lieber Gott, führe uns doch alle recht oft in diese Versuchung. 11. Wie der Räbbi will! Uebersetzung: Ouestion ponr l'ami. Diese Uebersetzung ist freilich nicht von mir, sondern vom alten Montaigue, wobei der Leser nichts verliert. Derselbe hat einen Richter gekannt, der in allen seinen Statutenbüchern gewisse Stellen mit den Worten guestiou paar l'ami bezeichnet hatte. DaS bedeutete dann, wenn einmal der Kasus vorkäme, so könne man wohl ohne Gewissensskrupel einen guten Freund begünstigen; also wie die Juden sagen, oder vielmehr sagten: wie der Räbbi will! Ob es wohl noch jetzt Richter und Vorgesetzte giebt, die dies Prinzip befolgen? Sollte z. B. beiPreßprozessen die guestioa pour l'ami wohl mitredcn? Oder bei Konkursen? Oder bei BeschlcunigungSgesuchen? Oder bei Verhandlungen über die Rechte der Juden? Ich glaube selbst diese Fragen werden immer nur beantwortet: wie der Räbbi will! Vor Zeiten, als dergleichen noch sehr wichtig gehalten wurde, fragten zwei Brüder, meine Verwandten, Einer nach dem Andern bei einem berühmten Dajan an, ob sie sich an einem gewissen Festrüsttage den Trauerbart dürften abnehmen lassen. Dem Einen erlaubte er's, dem Andern nicht, und als man ihn nach der Ursache fragte, erwiederte er, der ältere Bruder sei sehr sorgfältig und elegant, der jüngere nachlässig und unordentlich gekleidet zu ihm gekommen, darum habe er jenem das Rafiren erlaubt und es diesem verboten. Also auch auf dem unnahbaren Gebiete des Iorch Deah — und es giebt solcher Fälle mehr — gilt bisweilen daS: wie der Räbbi will! Mit diesem Sprüchwort nahe verwandt ist daS:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.