Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 28 (4.7.1853)
- Date
- 1853-07-04
- Page
- Seite 344 (sequence 2)
- Language
- German
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344 überhand nimmt. Wie es aber immer zu geschehen Pflegt, daß nur der erste Schritt es ist, der Mühe kostet," so ist vorauSzuschen, daß, jemehr Verwandte drüben über dem Ozean sich seßhaft machen, jemehr selbst jüdischer Kultus, jüdische Sitte dort zu finden ist, desto stärker wird die Auswanderung unter den Juden werden, desto leichter werden fie Europa, namentlich die Länder verlassen, in denen man vom Druck auf ste nicht lassen oder ihn erneuern will. So bringt denn jedes jüdische Blatt, das zu uns herüberkommt, Nachrichten von neuen Gemeinden, die gebildet, von neuen Synagogen, die gegründet, von neuen Begräbnißplätzen, die angelegt worden. So zeigen die statistischen Berichte, daß die Zahl unsrer Glaubensgenossen in manchen europäischen Ländern sehr namhaft abnehmen, wie z. B. im Großherzogthum Hessen, in Baiern, in der preußischen Provinz Posen, oder doch in den letzten Jahren nicht zugenommen haben, wie in Württemberg; in Preußen in den letzten drei Jahren nur um 2000 u. s. f. Hingegen wächst die Zahl jenseits des Ozeans ungeheuer, und in Neuholland find in den letzten zwei Jahren aus 300 — 3000 geworden! Das Judcnthum ist wesentlich hierbei interesfirt. Lange bevor Jerusalem fiel, waren durch die damals zivilifirte Welt morgen- oder abendwärts die jüdischen Gemeinden ansässig, mit allen Instituten versehen, zur Aufnahme der Flüchtlinge geeignet. Lange bevor Leben und Schwerpunkt aus dem Morgenlande nach Europa überging, hatte sich schon der Schwerpunkt des jüdischen Lebens nach Europa geflüchtet — denn man vergleiche nur die Annalen unsrer Literatur seit Saadja Hagaon und Alfasi in Asien, Afrika und Europa! Ja, als aus den Südländern Europa'- das Leben zu weichen begann, als Türkei, Griechenland und Spanien, ja selbst Italien zu ersterben anfingen: hatte sich auch daS jüdische Leben schon nordwärts verpflanzt, und Frankreich, Polen, dann Deutschland wurden Lessen Kernpunkt. Was nun auch das Schicksal Europa's sein möge; ob es in immer wiederholter Verjüngung durch seine Kultur sich zu erfrischen und zu beleben vermag; oder ob einst der Westen dem Osten unterliegen, und den Welttheilen jenseits des Ozeans ein neues überwiegendes Leben aufgehoben sein mag — wir find nicht so anmaßend, die großen Wege der göttlichen Vorsehung vorauswissen zu wollen — es ist für das Judenthum von höchster Wichtigkeit, daß auch inmitten dieser großen Entwickelung, die jedenfalls in der neuen Welt vor sich geht, schon jetzt eine breite Basis für das Judenthum geschaffen werde, sowohl um eben innerhalb dieser Entwickelung vorhanden zu sein und zu wirken als auch aus den oben angedeuteten geschichtlichen Gründen. Mit diesem Gedanken sehen wir denn auch aus der europäischen Judenheit viele Hunderte jährlich scheiden. Es ist wahr, es giebt schon Orte, deren Gemeinden in finanzieller Hinsicht die Wirkungen der Auswanderung sehr verspüren; in Baiern und Württemberg giebt es Ortschaften, in denen die Gemeindelasten deshalb bedeutend verringert werden müssen, da die Zurückgebliebenen fie nicht zu tragen vermögen — noch dazu da in der Regel nicht die Reichen und nicht die 'Armen auswandern, sondern der noch tragfähige Mittelstand. Aber in der That wird uns selbst das Erlöschen einiger alten Gemeinden nicht sehr betrüben, wenn wir jenseits des Ozean'S von Tag zu Tag neue Gemeinden entstehen sehen, Gemeinden, die ganz in alter Weise, ohne von einem Staatsgesetz verpflichtet, geregelt, mit Erccutivc versehen zu sein, in immer reickerm Maße Synagoge, Schule und Wohlthätigkeitsvereine hervor bringen, als ftische Dlüihen und Früchte getrieben am Stamme Jakob's von dessen eigenster Lebenskraft! Freilich! ist die neue Welt bis jetzt kein Platz, wo die Literatur bedeutenden Boden findet — dagegen ist cs hier das Leben, daS bildet, fordert und fördert. DaS Leben hat aber von jeher für das Judenthum mehr gethan als die Literatur, die ziemlich hinterdreinhinkt, und ihr Bestes giebt, wenn die, welche mitten im Leben stehen, es schon nicht mehr verlangen. Die jüdische Literatur, welche auf die Masse des jüdischen Volkes wirkte, ist von jeher sehr gering gewesen, und die jüdische Literatur war immer mehr eine Konversation der Gelehrten. Doch lag dies auch stets an den Juden selbst, die, bei aller Verehrung vor den Büchern, doch keine große Freunde davon waren, und jetzt nun einmal gar nicht find. Bei diesem Mangel an Empfänglichkeit für die Literatur ist ein reges religiöses Leben desto nothwendiger, und dies fehlt gerade in Amerika nicht. Die ganze Anlage und Richtung der Amerikaner weisen auf ein reges Kirchen- und Sekrenwesen hin, welches daher auch die Juden auf sich selbst zurückführt. Dies ist denn auch der Grund, warum, bei der eigenthümlichen Beschaffenheit der Elemente, die aus der jüdischen Welt über den Ozean fahren, dennoch die Synagoge schon so bedeutende Wurzel drüben geschlagen hat, und nun immer mehr schlägt, so daß an eine gedeihliche Entwickelung nicht mehr zu zweifeln ist — zugleich ein argumen-