Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 27 (27.6.1853)
- Date
- 1853-06-27
- Page
- Seite 337 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225822-3225850--13218-3299511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Seesen 2× ep/1048106
OCR text
337 grbung von Salonmenschen und Salonverhältniffen dennoch übrig gebliebenen Züge der Wahrheit, diese Einfachheit, Ausdauer und Starrheit unserer Väter in Tugenden und Fehlern, diese Hingebung und Festigkeit — sie werden den Leser oft genug in Anspruch nehmen und spannen. Wir schreiben daher dem Verfasser wohl die Eigenschaften, die Befähigung zu, etwas Bedeutendes leisten zu können — und wenn er es auch diesmal noch nicht grthan, so lag die Schuld größrentheils an ihm selbst. Er stellt es als einen Zweck seines Buches dar: die Fehler der Juden zu rügen und auf ihre Besserung zu wirken. Wir wollen die, zum Theil kauderwelsche Darstellung dieses seines Zweckes, „seinem August" gegenüber, nicht weiter verfolgen, aber die Hauptsache ist, er wünscht die Juden aus ihrer absonderlichen, namentlich rein kaufmännischen Stellung heraus, er will, ste sollen in sozialer Beziehung alles Besondere aufgeben, und will dies dadurch bewirken, daß er offen gegen ihre Fehler zu Felde zieht. Er droht mit einem gewaltigen Feldzüge. Nun, wir wollen den Verf. nicht hindern. Er mag sein Heil versuchen. Er mag selber den Fehler begehen, auf dem Rücken der Juden ausklopfen zu wollen, was doch Erzeugnis einer tausendjährigen Geschichte ist, über die wir nicht dir nichts mir nichts Herr sind. Wir ziehen dies heute gar nicht in Betracht. Aber das müssen wir dem Verf. bemerklich machen: daß durch diese seine Tendenz seine fünf vorliegenden „Märchen" vollständig verfehlt stnd. Er sagt, er will die Fehler der Juden bloßlegcn, und doch will er die „letzten Juden" schildern, die vergangenen, die auSgestorbcnen, oder aussterbendcn Juden; er will auf die Gegenwart wirken, und doch „verschollene Märchen" noch einmal vor uns heraufführen — das ist Zwiespalt, das ist Widerspruch von vorn herein, und daraus ist dieses Gemisch, dieses Verworrene und Ungestaltete gekommen. Uebrigens find die fünf Märchen nickt ganz neu. Wenigstens Eines lasen wir schon in Busch' Jahrbuch. Die Ausstattung ist trefflich. Korrespondenzen. Seesen, im Juni. Der Rittergutsbesitzer, Herr M. Jacobson auf Schulzendorf, har am hiesigen Orte, dem cdeln Beispiele seines windigen Vaters, dem Stifter der bekannten Jacobsonschule folgend, eine Waiscnanstalt gegründet, worin israelitische und christliche Waisenknaben erzogen werden. Die Anstalt, welche schon im vorigen Jahre ihre Wirksamkeit begonnen hat, wird unter der Oberaufsicht des Stifters derselben, von einem Inspektor, der zugleich die Hausvatcrstelle versieht, dirigirr. Den Bau, sowie die innere Einrichtung dcS Ganzen bar der vcrchrliche Stifter selbst geleitet und das ganze Haus mit wahrhaft väterlicher Liebe versorgt, so daß diese Anstalt den ausgezeicknclstcn dieser Art würdig zur Seile gestellt werden kann. Es darf bei dieser Gclcgcnheir nickr unerwähnt bleiben, daß die edle Gatiin des Stifters, Mad. Jacobson geb. Rieß aus Berlin, den Herrn Jacobson mit eckt mürrerlicker Sorgfalt hierbei unterstützte und Alles Das, was in das Bereich der weiblichen Fürsorge gehört, selbst bewirkte. Das Gebäude selbst ist von den herrlichsten Garrenanlagen und einer Mauer umgeben, so daß es in der Mirke der Stadt den Anblick eines freundlichen Gartenhauses gewährt.*) Sehr lobend und anerkennend haben sich schon Mehrere der höchsten weltlichen und geistlichen Beamten unseres Landes über diese Anstalt ausgesprochen. Aber nickt das edle und woblrhäiige Werk allein ist es, welches in den weitesten Kreisen bekannt zu werden verdient, sondern der Geist der Liebe, der darin walrer und die unaussprechlich liebende Fürsorge, die dessen Gründer dafür hegt, sollten überall laut verkünden, wie und wo fick der wahre Wohlthätigkcitsstnn bewähren müsse. Zwei Winterhalbjahre verlebten Herr und Mad. Jacobson fortwährend in Seesen, im ersten beschäftigten sich dieselben mit der Einrichtung des Hauses und im zweiten galt es der persönlichen Tbcil- und Kenninißnahme von und an der Leitung und dem Gang der Geschäfte. Gan:c Tage verbrachte Herr Jacobson allwöchentlich in der Schule, täglich mußte ihm jedes einzelne Kind über sein Verhalten wahrheitsgetreu berichten, Abends und Morgens Setcte er mir ihnen zum Vater der Witrwen und Waisen, in den Freistunden unterrichtete er oft selbst und besonders hals er den Schwächeren darunter nach, gleichsam des Propheten Wort verwirklichend: Die Lahmen und Hinkenden leitet er mit eigenem Arme. Was überhaupt die religiöse Erziehung in der Anstalt anlangt, so beten die israelitischen und *) Die Stadt Seesen brachte dem Herrn Jacobson während seines dortigen Aufenthaltes einen großartigen Fackclzuz, errheilre ihm das Ehrenbürgerreckr und gab der Straße, worin das Waisenhaus steht, den Namen Jacobsonstraße.