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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-06-27 · Heft 27 (27.6.1853) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 27 (27.6.1853)
Date
1853-06-27
Page
Seite 336 (sequence 10)
Language
German
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336 wenn er nur etwas Gutes bietet. Allein hier können wir die Frage nicht umgehen: was kündet der Verf. an und was bringt er? Der Verfasser har diese Frage erwartet, und da er keine Vorrede gegeben, verwebt er seine Antwort in daS erste Märchen der beiden, welche den zweiten Theil ausfüllcn: „mein Freund August". Dieser war gegen die Herausgabe des Werkes. Er tadelte die Richtigkeit des Titels. „Womit rechtfertigst Du dieses lockende Aushängeschild: die letzten Juden?" fragte er. Weil ich jene Juden schildere, die mit unseren Vätern ausgestorben find, entgegnete ich; diese Typen find die letzten Ausläufe einer Menschcngattung, die fich in unserer Zeit allmälig verliert und die fich dort, wo fie noch besteht, gewiß bald durch eine, bis in die untersten Schichten hereinbrechende Kultur und Zivilisation auch bald verlieren wird." — „Du gestehst," sagt er weiter, „daß die modernen Israeliten keine Spur mehr von dem Geiste und der Sitte der alten Ghettobewohner haben, und daß also der Titel dieses Buches gercchrserligt ist, wenn es jene „letzten Juden" schildert, wie sie liebten und haßten, wie sie lebten und starben." Aber der Verfasser hat fich hiermit ein vollständiges Dementi gegeben, denn allerdings das verhängnißvolle „wenn" fehlt. Das wären die Ghertobcwohner gewesen, wie sie der Verfasser schildert? Diese blasirten, hypermodernen Gestalten? diese, von den nichtigsten Leidenschaften, von den verkehrteste Gefühlen, von den verdrehtesten Situationen gejagten Menschen? Wir wollen den an der Liebe zu einem eitelsten, widrigsten Geschöpf verschmachtenden August übergehen, was für eine erbärmliche Figur hat der Verf. aus dem „hohen Löw" gemacht, der schreit, wüther, fich erhitzt, zaubert, liebelt, entsagt — man weiß nicht warum? Was ist das für ein Hofbanguier Hirsch mit seiner Tochter, die nach Tarnowitz gehen, um irgend einen Jüngling zum Deckmantel der Schande zu ergattern? Das sollen Bewohner des Ghetto gewesen sein? Nein, eS ist hier Alles übertrieben. Ter fromme Jonathan, der ruhig an der Hand dessen weiter geht, der ihm eben die Augen geblendet, so wie der schreckliche David, der dies gcthan, ohne Grund und Ursache. Und durch dieses Ucbertriebene, Gcschrobenc, Gemachte ward auch Dem geschadet, was an richtiger Schilderung und guter Zeichnung geboten worden. Der Verf. nennt seine fünf Geschichten ferner: „verschollene Ghetto-Märchen." Er fühlte selbst das Unrecht, das er an dem schönen Worte „Märchen" begeht, und will den Einwand seines Augusts: „im Märchen soll das Wunderbare vorherrschen, der Hintergrund eines Märchens muß nebelhaft und duftig erscheinen, ein Märchen muß endlich voll Poesie sein, du bringst Prosa — viel zu nacktes wirkliches Leben" — mit den Worten entfernen : „weil ich aufs wirkliche Leben wirken will." Der Verf. sieht gewiß selbst ein, daß er damit den Einwand nicht entfernt, sondern den Fehlgriff nur erklärt. Nein! so wenig wie diese Menschen wirkliche Ghettobewohncr, „letzte Juden" im Sinne des Verf. find, so wenig find die Erzählungen Märchen, in denen fast nur Salon- und Rcfidenzszenen aufgeführt werden, in denen das Wunderbare in die gemeine Wirklichkeit hineingeschneil wird, unvermittelt. Vielmehr ist auch hier dem Verf. ein arges Ouirlproguo unter der Hand begegnet, denn so wie seine Menschen meist nur Ghettogeborne find, die dem Ghetto abhanden gekommen und in die neueste Rcsidenzgesellschaft geriethen, Mischlinge, nicht alt und nicht neu, so find auch seine Märchen nur die ganz gewöhnlichen modernen deutschen Novellen, in welche ein altes jüdisches Märchen hineingefiickr ist. Einen Beweis liefert hierfür auch die Sprache, die öfter im höchsten Grade blasirt und unrein ist. Wir wollen nur einige Beispiele anführen. Man bewundere nur folgende Beschreibung einer Ghettoschönen: „Das war ein gar schönes Mädchen, dieses Chaonele; der Begriff von schön ist freilich nicht überall derselbe der durchsichtige Teint, die schlanke Taille, die der Städter so graziös findet, erklärt der Dorfbewohner mitleidig für kränkliche Blässe und als unmenschliche Micdcrzusammenprcssung (!!); was wieder der Landbewohner als Ideal seines Dorfes erhebt, belächeln wir als bäurische GefichtSrörhe, als eine zwar bencidenswerthe, aber durchaus nicht poetische Derbheit und Fülle. Dieses Mädchen aber verband die Essenz (!!) beider Ertreme (!!); eine blendende Weiße ff." So wieder die Beschreibung einer alten Frau: „die feinkantige kleine Nase, die dünnen rothen Lippen, wie die hohe weiße Stirn zeigten zwar nur einen von der Vandalin Zeit arg zugerichteten Schönhcitstorso (!!), vcrriethen aber ff." So haben wir uns also weder mit den Geschichten, noch mit den Figuren, noch mit der Form einverstanden erklärt. Und dennoch — halten wir uns überzeugt, daß Jeder, der diese beiden Bändchen in die Hand nimmt, sie nicht ungelesen und nicht unbefriedigt aus der Hand legen, daß er fich mehrere Male hingerissen fühlen wird. Die Gluth der Sprache, die Heftigkeit der Leiden-! schäften, oft auch die Eigenthümlichkeit der Situationen,! und dann vor Allem die — in der fremdartigen Um-

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