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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-06-14 · Heft 71 (14.6.1838) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 71 (14.6.1838)
Date
1838-06-14
Page
Seite 286 (sequence 2)
Language
German
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286 ist if)m gelehrt worden und Furchtbares will er üben. Verachtet und verhöhnt ln seinem Ehrwürdigsten, dem äußerlichen Abzeichen seines Glaubens, verkürzt in seinem erlaubten, also seiner Meinung nach rechtliche^ Erwerb, glaubt er noch Großes zu thun, noch beschämend edel zu handeln, wenn er das Begehren seines Hauptgegners entsprechend, diesen nur nebenbei zwingt, eine oemüthigende Bedingung zu unterschreiben. Mehr sollte, in dem Momente des Darlehns die verhangnißvolle Klausel gewiß nichts sein; für mehr wurde sie von keinem Theile genommen, sonst wäre Bassanio noch schlechter als Shylok, und Antonio ein widerlicher Narr, der keine Teilnahme erwecken könnte. Auch Shylok will nichts mehr; er ward verhöhnt und will verhöhnen, noch aber haben dreitausend Ducaten mehr Werth für ihn, als Antonio's Untergang. Aber der Teufel versteht aus einem Haar ein -Entertau zu flechten. Das Unglück häuft sich zusammen; die einzige Tochter und der einzige Türkis sind entführt, der Vater selbst hat das Geld dazu hergegeben, das wahrscheinlich — welcher Unterdrückte ist nicht argwöhnisch — nur zu diesem Zwecke entliehen ward. Aber auch in diesem rein menschlichen Unglück wird ihm statt Hilfe, statt Theilnahme nichts als frivoler Spott, als schadenfroher Hohn zu Theit, und gleichsam als Desert zu diesem bittern Mahle des Elends erfahrt er wie zufällig, daß auch sein Vermögen bei Antonio, dem Urheber seines Unglücks, bedroht ist. Da fällt plötzlich der Mantel von dieser Höllen-Statue und sie steht mit Eins in ihrer gcausenerregenden Nacktheit vor unfern Augen. „Er soll sich vorsehen mit seinem Schein" diese Worte zeigen uns, daß der Teufel bei ihm zum Durchbruch gekommen ist und wir schaudern vor der Betrachtung zusammen, wie tief elend der Mensch werden muß ohne die göttliche Gnade der Offenbarung, ohne die Religion der Liebe, die uns lehrt (Sprüche Salom. 25, 21.): Wenn dein Feind hungert, speise ihn, wenn er dürstet, reiche ihm Trank, und streuest du auch glühende Kohlen auf sein Haupt, Gott wird's dir doch vergelten. Wie Shylok, wie dieser Erstgeborne Satans zu schließen und zu handeln, dazu ist nichts nöthig, als ein taubes Ohr für das Wort Gottes und ein kräftiger Wille das zu vollziehen, was dem Egoismus nützlich erscheint. Die Quelle, aus welcher der Dichter diesen Theil des Stücks geschöpft hat, wird meines Wissens nirgends angegeben , obgleich ich sie vor Jahren einem Uebersetzer des Shakespeare ins Oberschlesische und einem geistreichen Theaterkritiker mitgetheitt habe, was mich beinah vermuthen käst — doch beide Männer sind tobt und Todte können sich nicht rechtfertigen und daher auch nicht angektagt werden, und so werde fle denn kn dieser Zeitung noch einmal aufgedeckt. Gregorio Leti, Biograph SixtiV. erzählt im Xl. Buche seiner mit vieler Anmuth und feinen Bemerkungen ausgestatteten Geschichte dieses Papstes manches Beispiel von dessen strenger Gerechtigkeitspflege. Unter andern wird folgende Geschichte genau und ausführlich berichtet. Im Jahre 1587, als ungefähr 10 Jahre vor dem als wahrscheinlich angenommenen Schöpfungsjahc unsres Stücks, erfährt ein angesehener und reicher römischer Kaufmann, Namens Paul Maria Secchi, ein gut katholischer Christ,, daß Franz Drake Srt Domingo erobert und dort große Deute gemacht habe; er ther'lt diese Neuigkeit einem jüdischen Handelsmann Simson Ceneda mit, dem sie aber entweder wirklich als unglaublich erschien oder dem daran gelegen war, sie als unglaublich erscheinen zu lassen, kurz er bestritt hartnäckig die Wahrheit des Gerüchts und äußerte endlich bei wiederholter Betheuerung des Gegentheils: ich verwette ein Pfund meines Fleisches, daß die Nachricht unwahr sei; und ich will dagegen tausend Scudi setzen, erwiderte der Christ, der in wunderlichem und stolzem Humor einen Vertrag aufsetzen, und von zweien Zeugen, einem Christen und einem Juden, unterschreiben laßt, welcher festsetzt, daß wenn die Nachricht falsch, Herr Paul Maria Secchi der christliche Kaufmann verbunden sei, dem Juden Simson Ceneda tausend Scudi zu zahlen, wenn aber gegentheils die Nachricht sich bestätigen wird, soll der christliche Kaufmann H. Paul Maria Secchi berechtigt sein, mit eigener Hand und wohlgeschärftem Messer, dem Juden ein Pfund Fleisch von welchem Theile seines Leibes ihm, demChristen, belieben würde, herauszuschneiden. Gar bald war kein Zweifel über Drakes Sieg und der Christ forderte die Erfüllung des Scheins. Vergebens bot der Jude 1000 Scudi, als die Summe, die der Kaufmann hätte verlieren können zum Ersatz, der Christ .schwur, der Schein müsse erfüllt werden und hatte bereits. einen Theil des Körpers gewählt, den, wie unser Biograph meint, die Bescheidenheit zu nennen verbietet, der Leser aber unschwer errathen wird. In der Angst seines Herzens lauft der Jude zum Gouverneur, um durch diesen den Kaufmann zu bewegen, 1000 Scudi zu nehmen, der Gouverneur aber meldet die Sache dem Papste, der nun, wie sich denken laßt, die Rolle der Portia übernimmt, was freilich dem Zuschauer nicht so ansprechen möchte und auch nicht so erfreulich für die Bekehrungs-Gesellschaft ausfallt, da der strenge Richter nicht die Bekehrung des Juden, sondern beide Theile zu den Galeeren bestimmt, wovon sie sich

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