Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 26 (20.6.1853)
- Date
- 1853-06-20
- Page
- Seite 324 (sequence 10)
- Language
- German
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324 das ganze Jahr nicht, außer daß er nie einschläft, ohne das ganze „Nachtleienen" hergesagt zu haben. Eine Frau hat eine völlig observanzmäßige Küche, doch Milchbröte zum Fleisch, das macht nichts aus. Wieder eine denkt gar nicht weiter an die jüdischen Fasttage, außer daß sie — gleichsam als Equivalent — genau zu diesen Tagen zu Purim, an Neumonds- und Jahrzeitstagen Almosen austheilt. Ein Herr Cohen hält kein jüdisches ReligionSgesetz, aber er geht, seines Familiennamens halber, um keinen Preis in ein Sterbehaus. Herr so und so kommt eiligst am Feiertag angeritten oder angefahren, um noch geschwind die gewöhnliche Aliah zu haben. Viele, die sonst nichts gesetzwidriges essen, erlauben sich auf Reisen dies unbedenklich. Geld auSgeben am Sabbat für Vergnügungen, nicht zum Geschäft oder gewöhnlichen Haushalt halten Andere sogar für verdienstlich. Daß „der Sabbat wiederkommt, aber der Käufer nicht", damit haben schon unsere Urgroßväter sich bisweilen durchgeholfen. In vielen Häusern ist daher das Geschäft am Sonnabend im Gange; genäht oder mufizirt darf aber nicht werden. Von den verschiedenen Schulchan AruchS die bei Schwerkranken und in der Trauerzeit observirt werden — d. h. von den Verwandten; denn Bekehrungen zur Frömmigkeit auf dem Todtenbette kommeu bei uns nicht vor — will ich schweigen, da hier die unzurechnungsfähige Angst und Aufregung mitredet; und leider eben so wenig von den tausend selbsterdachten Manieren, wie man die Kinder im „Jüdischen" unterrichten und erziehen läßt, weil bei den jetzigen heillosen Zuständen gar Niemand Weg und Steg weiß. Aber das Merkwürdigste ist, daß alle diese verschiedenen Codizes einander anerkennen müssen, da der wirkliche Schulchan-Aruch für Niemand ausreicht. Muß ja selbst der, der darnach lebt oder gar kasuistische Entscheidungen ausspricht, unter verschiedenen Vorwänden über drei Viertheile davon ignoriren! Und der erhaltene Theil war ja auch früher nur mit Zwang aufrecht zu halten. Man möchte sich vielmehr wundern, daß jetzt 50 Jahre nachdem die Regierungen den Rabbinern die Zwangsmittel, Erkommunikation und — in östlichen Ländern — die Bastonade entzogen haben, noch so Vieles davon, wenigstens dem Namen nach, besteht. DaS entsteht aber aus einigen Goldkörnchen echten Judenthums, das sich unter all dem Wust erhalten hat, und daS sich in dem Satze: „Gott will nur das Herz" ausspricht, so wie in dem deutsch-jüdischen Sprüchworte: 6. Ein Jude ist nicht zu tariren. Wo Du eS gar nicht erwartest, unter dem Haufen unwissender Chassidim sowohl wie unter der Außenseite deS kältesten Nihilismus siehst Du mit einem Male einen mächtigen Strahl von echtester jüdischer Menschenliebe, Gewissenhaftigkeit, Aufopferungsfähigkeit, Rechtsgefühl, Gemeinfinn aufsprudeln, die Dich mit den charakteristischen Zuständen nicht nur versöhnen, sondern sie Dir als nothwendige Stufen der wahren vis §sers, der bsliebos eli malki ba-kodesch zeigen. Den Spruch „ein Jude sei nicht zu tariren" haben die ehrwürdigen Pharisäer des vorigen Geschlechts sehr häufig im Munde geführt; von den heutigen Frommen und philologischen Komödianten hört man ihn nicht. Im Gegentheil, fie tariren jeden Juden sehr genau — freilich nach einer andern Skala und Gewichtseinheit. Die vielen individuellen Schulchan-Aruchs werden übrigens auch nach Umständen geändert: eS ist ja auch billigerweise nicht zu verlangen, daß ein Mensch 70 oder 80 Jahre lang bei einem und demselben bleibe. Drum halten wir unS auch nicht bei denen auf, die auS Rücksichten auf andere Personen bestehen, z. B. (nach 1. B. M. 27, 4.) „Es werden die Tage der Trauer meines Vaters herankommen", oder wo bei Verheirathungen ein freidenkender edler Jüngling urplötzlich fromm wird, oder ein pharisäischer Papa vergnügt seine Tochter einem reichen Schinkeneffer giebt. Nur die Aenderungen beachten wir, die aus dem Menschen nach 5. B. M. 32,15. selbst hervorgehen, so eine, wie z. B. folgender Dialog darlegt: Räb Selig. Wie geht eS nur zu, daß Räb Liepmann gar nicht mehr in die Schule (Synagoge) kommt; früher ist er doch jedes Mal da zu finden gewesen? Räb Löbel. WaS sagt ihr, Räb Selig? So sollen wir beide, es will's Gott, nöthig haben. Schulen zu gehen, Amen, wie Räb Liepmann eS jetzt nöthig hat! — Ein reicher Mann! Pfch! Wir hatten vor Diesem hier in der portugiesischen Gemeinde einen gewissen Aron B., der kam jährlich nur einmal in die Synagoge und zwar am VersöhnungStag, doch erst zum Schlußgebete. Darüber zur Rede gestellt, erwiederte er: Süh mal, ick bün all en ohlen Mann, Fru und Kinner hef ich nich, Schefen und Göder hef ick nich tor See, un Geschäfte maak ick auck nich mehr. Wat bruuk ick? En gode Kööksch (Köchin); un darto kaam ick ftöh genoog to Nengila! Geht nur hin, ihr Kinder Israel'-, mit euren man-