Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 26 (20.6.1853)
- Date
- 1853-06-20
- Page
- Seite 323 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3225822-3225849--13203-3299489- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
323 schen Frauen fremde Haartouren zu tragen verbietet, in neuerer Zeit wiederum sehr verschärft worden. — Die Auswanderung polnischer Judenfamilien nach Amerika ist in diesem Jahre stärker, als sie je gewesen. — Von den polnischen Rabbinen wird in ihren Deroschot mit großem Feuer gegen die Manie deS TifchrückenS und Tischklopfens geeifert. GroßbritauLeu. London, 3. Juni. Parlamentsverhandlungen vom 2. Juni. Oberhaus-Sitzung. Auf der Tagesordnung steht der Antrag, daß sich das HauS als Konnte über die EideSveränderungSbill konstituire, welche unlängst die zweite Lesung passirt hatte. Der Earl of Ellenborough erhebt sich dagegen; denn käme die Bill vors Unterhaus, so würde sie eine Hinterthür zur Zulassung der Juden werden. Lord Derby ist gleichfalls gegen die Bill, da sie vom Unterhause nicht nur zu Gunsten der Juden, sondern auch zur Abschaffung deS die katholischen Mitglieder bindenden Eides gemißbraucht werden könnte. Abgesehen davon, sei die Session zu weit vorgerrückt. Der Earl von Aberdeen vertheidigt die Maaßregel mit ziemlicher Wärme, aber bei der Abstimmung wird der Antrag, und somit die Bill selbst mit einer Mehrheit von 15 (84 gegen 69) Stimmen verworfen. (Woran wird sich nun Lord John Rüssel halten? Red.) Italien. Turin, im April. Nach dem Läue. isrsel. hat der Deputirte Siracco in der Deputirtenkammer den Minister des Innern interpellirt, warum er noch immer nicht ein Gesetz, um die Verfassung der jüdischen Gemeinden auf Grund von Wahlen neuzugestalten, einbringe, und daS alte Gemeindewefen belasse. Der Minister versprach den Gesetzentwurf auf's eheste. Abhandlungen verschiedenen Inhalts. Deutsch-jüdische Sprüchwörter aus Hamburg. (Fortsetzung.) 5. Jeder Jude hat seinen Schulchan-Aruch für sich. Uebersetzung: So viel P — So viel Ködere. Man mag dies nun tadeln oder loben, aber läugnen kann es Niemand. Gervinus sagt in dem nicht angefochtenen Tbeil seiner Einleitung: „Die religiösen Ueberzeugungen bilden neben den materiellen Dingen das einzige Interesse, das jedem Einzelnen an's Herz geht, in dem er sich als Einzelner thätig beweisen muß und in dem sich der Niedrigste so berufen und frei weiß, wie der Höchste." Es ist wirklich mitunter komisch, wie selbst innerhalb der Grenzen der rigorösesten pharisäischen Observanz diese Selbstbestimmung sich bisweilen äußert. Har ja sogar eine einzige Metzgersamilie sich den dokumentirten Gebrauch reservirt, noch am Scheminy-Azeres-Tage in der Lauberhütte zu essen! Ich habe einen sehr orchodorcn alten Mann gekannt, der sich viel darauf zu Gute tbat, daß er den Cohanim beim Segensspruch gerade ins Gesicht sah: diesen Minhag habe ich von meinem Vater, sagte er mir einem Ton, als ob von einer ererbten Reichswürde die Rede sei. Und so wird man unter allen Frommen nicht einen einzigen finden, der nicht irgend einen Strich für sich hat, cs sei nun nach der erschwerenden, oder, was jetzt häufiger vorkommt, nach der erleichternden Seite hin. Mit welchem Wohlbehagen erzählt der Eine, daß er von dem und dem seiner Schechita nicht esse, und der Andere, daß er von den zehn Bußtagen nur 2 faste, und der Dritte, daß er nach Hamawdil jedesmal noch irgend einen besondcrn Psalm singe, und wieder einer, daß er das Lulaw in so und so viel Stößen schüttle, und noch ein anderer, daß er sich nur an 3 Stellen mit der Zwickscheere, sonst aber mit dem Messer barbieren lasse. Hier wird 6, dort 4, da nur 2 Stunden von Fleisch auf Milch pausirt, drüben wieder gar 24 Stunden von Käse auf Fleisch, anderswo an jenem Festtage observanzmäßig ein Kalbskopf, an einem andern Fleischkrcppchen, an dem und dem Monat kein Geflügel gegessen. Eine Familie hatte eine genaue Festkleiderordnung: je einen Rock für Sabbate, Festtage, gute Sabbate, Feftsabbate, Neumonde, Chanucka und Purim u. s. w. Glücklich, daß bei uns die steiwillige Askese sich nur auf harmlose Dinge und nicht auf die Erfindung von Selbstpeinigungen oder gar auf Schwirsener Teufelsklopfereicn wirft! Nach der andern Seite hin; noch ärgerer Wirrwarr. Da ist Einer, der hält die Spcisegesetzc nichr, blos von Austern entfernt er sich. Einer fastet selbst am Vcrsöhnunzstage nicht, wohl aber am Rüsttage zu Ostern für seinen kleinen Erstgebornen. Ich weiß einen Fall, wo ein Roßkamm am benannten Tage sogar für seine Pferde im Stalle | fastete. Einer läßt seine Söhne nicht beschneiden, versäumt aber keinen Kaddisch im Trauerjahre. Einer berel 26*