Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 26 (20.6.1853)
- Date
- 1853-06-20
- Page
- Seite 316 (sequence 2)
- Language
- German
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316 scheu Juden in Aegypten unter den Ptolemäern, obschon sie durch ihre Zahl, durch ihre Bildung, durch ihre Geschicklichkeit, zum Theil durch ihre Tapferkeit als Krieger und Feldherren daselbst eine bedeutende Rolle spielten — während wir einen großen Folianten von Philo'S Halluzinationen haben! Kiesselbach erweist 1) daß der Jude im Mittelalter eine ökonomische Nothwendigkeit gewesen, daß man seiner gar nicht entbehren konnte, daß das mittelalterliche Europa ohne den Juden gar nicht bestehen konnte. Man hat dies instinktmäßig oft herausgefühlt, aber man betrachtete es gewöhnlich nur auS dem Gesichtspunkte, daß, wenn Kaiser, Fürsten, Städte Geld bedurften, sie cs nur durch die Juden erhalten konnten, als welche eS daher „keine der Gesellschaft nützlichere Menschen gab" (Depping). Aber eS liegt jetzt klarer vor uns. Die noch rohen Europäer, die nur aus Kriegern und Bauern bestanden, wurden durch die Juden, welche den Verkehr betrieben, mit den Bedürfnissen und den Befriedigungen der Gesittung bekannt gemacht, wurden durch die Juden im Großen und Kleinen mit Allem versehen, was sie außer den Produkten ihres BodenS und deren rohesten Verarbeitung noch bedurften. Der Jude hat „für Europa den Träger deS beweglichen Eigenthums und damit des be lebenden Prinzip s abgegeben, welches in den starren Zustand des Ackerbaues den allernothwendigsten Fluß des Verkehrs bringt." Jeder Einsichtsvolle ziehe sich aus dieser Thatsache die ungeheuren Konsequenzen, und frage sich dann, ob durch diese außerordentliche Rolle der Jude nicht mindestens eben so gut das europäische Bürgerrecht sich erworben habe, wie die Nachkommen der Hunnen, Vandalen, Gothen ff., welche vom Kaukasus und noch weiterher gekommen waren? Aber dieser Satz bewährt sich durch eine lange Zeit hindurch. Denn Kiesselbach zeigt: 2) „Wie einst die Phönizier an den Küstengrenzen des westlichen Europa'S die jungen Völker den Gebrauch von Gold und Silber gelehrt, so zogen ihre unter dem Schutze der römischen Legionen in die Mitte unseres Erdtheils eindringenden jüdischen Schüler die dortigen Darbarenhorden in den großen KreiS des kosmischen Güterlebens ein." Dem römischen Reiche dienten die Juden als Zollpächter, als Agenten zur Erhebung der Steuern, als zahlungsfähige Kapitalisten — und nur Unwissende ahnen nicht, wie alle Operationen des Staates von den geeigneten finanziellen Werkzeugen abhängen, und ohne diese weder Tapferkeit, noch Weisheit Etwas vermag. (Man lese z. V. ThierS' Geschichte deS Konsulats gleich nach dem Sturze deS Direktoriums!) Eben so später bei den Franken. W aitz (deutsche VerfaffungSgeschichte S. 117.) sagt: „Eine besondere Klaffe städtischer Bevölkerung bildeten die Juden, deren sich nicht Wenige unter den Franken aufhielten, und die besonders bei Geld- und Handelsgeschäften thätig gewesen. Die Könige haben sie auch zu den wichtigeren Stellen gelangen lassen." 3) „Bis in'S neunte und zehnte Jahrhundert hinein, waren die Israeliten für die in der Entstehung begriffenen Argrikulrurstaaten deS nördlichen Europa's die einzigen Kaufleute, welche die Verbindung der alten Welt mit dem auf ganz neuen Grundlagen sich einrichtenden Westen aufrecht erhielten." 4) Als die Juden später aus dem Großhandel selbst verdrängt wurden, bildeten sie das Geldwesen aus, und schufen durch den Geldhandel dem Waarenhandel die Möglichkeit deS Verkehrs. Jedermann weiß, daß dieser ohne jenen gar nicht stattfinden kann. 5) Die Juden waren also die Lehrmeister der europäischen Völker in Industrie und Kommerz, die Träger dieser wichtigsten Kulturmomente, sie haben zur Gesittung der europäischen Gesittung mehr beigetragen, als sich die bücherlesenden Büchermacher irgend einbilden. Sie haben Verdienste um Europa, die nicht hoch genug angeschlagen werden können. — Freilich diejenigen, welche meinen, die Völker hätten nie Industrie und Kommerz kennen lernen müssen; sie hätten nur und allein die Scholle bearbeiten, daS Wild jagen, die Waffen tragen müssen; ein Jeder müßte seine Leinewand sich selbst spinnen, seinen Rock selber nähen, sein Leder selber gerben — wir glauben aber, daß diese Sorte Narren immer geringzähliger wird — diese mögen fortfahren die Juden „Schmarotzerpflanzen, Parasiten" u. s. w. zu nennen — wir aber wollen den vielgeschmähten Namen unserer Väter rein waschen, und ihre Thätigkeit, ihre Ausdauer, ihre Fähigkeit von den Strahlen der Geschichte in's Licht bringen.