Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-06-13 · Heft 25 (13.6.1853) · p. Seite 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 25 (13.6.1853)
Date
1853-06-13
Page
Seite 311 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225848--13190-3299475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

311 diejenigen, die uns der Unredlichkeit, der Habsucht, des Geizes, des Egoismus, der Feigheit, der Kriecherei geziehen, noch selbst reichlich eben so tief in diesem Miste stacken. Wer erinnert sich nicht, wenigstens aus Anekdotenbüchern der, noch nicht döllig ausgestorbenen jüdischen Elegants und Schöngeister, jener unerschöpflichen Zielscheiben für Spott und Witz? Beständig den ganzen Olymp im Munde, Stammbuchssprüche in Jean Pauls Sril liefernd, dramatische Vorlesungen arrangirend, bei denen nie Niedrigeres auf den Tisch kommt als Tafso und die Braut von Messina, Courschneider nach Alberti und Kotzebue, dickste Sorte goldener Ketten tragend, französische DiktumS überall einmischend, der Anzug ängstlich karrikirt nach der neuesten Mode-und dennoch waren sie nichts als die Erzcugniffe der Krafrgcnic-Epochc, und mit den sogenannten Freiheitskriegen, wiederum als allgemein die Geckerei der Männlichkeit hatte Platz machen müssen, und als sic statt Kant und Fichte Kommisbrot gekaut hatten, waren sie auch wie wcggeblasen. Daß die Periode der Humanität auch die dcS poetischen Judcngewimmers fein mußte, .liegt ebenfalls am Tage. Daß die Luden beständig von den Nichtjuden annehmen, das darf nicht wundern, weit eher aber, daß die Christen nicht auch Einiges von den Luden annehmcn, z. B. das BarchcS- und Mazzesbacken, die Scholiwuppe, die Derlobungs- und Hcirathskontrakte u. s. w. Was die Wohlrhätigkeit anbelangt, so glaube ich die Erfahrung gemacht zu haben, daß sie hier in Norddeutschland bei uns ab- und bei den Christen zugenommen hat. Alles in Allem betrachtet, so sind die Verschiedenheiten so ziemlich ausgeglichen und es kann jeder Polizeisekrctär ohne große Gefahr zu großen Jrrthums die Rubrik: Religion, auf allen Paffen mit den Worten: Philisterthum ausfüllen. Ein Anderes ist eS zwar da, wo die Juden ein abgesondertes Ghetto bewohnen und von der Vereinigung mit den übrigen Bürgern gewaltsam abgehalten werden, z. D. in den meisten polnischen, gallizischen, päpstlichen und muhamedanischen Städten; aber auch da behauptet der menschliche Geist sein Recht, und sowohl inals außerhalb der Synagoge ist der polnische, der römische, der orientalische Jude leicht in seiner respekriven Landeseigenthümlichkeit zu unterscheiden, und selbst ein deuricher jüdischer Pharisäer wird z. B. in China weit eher die deutschen Christen als die chinesischen Juden aufsuchen. Tragen ja die Abkömmlinge derjenigen Juden, di« bis vor 300 Jahren in Spanien gewohnt haben, und seitdem Deutsche, Holländer u. s. w. geworden find, noch heute in ihren Physiognomien die charakteristischen spanischen und moresken Züge, und ist der sarmatische und tartarische Typus scharf ausgeprägt in den Gestchtcrn der Juden auS jenen Ländern! Darum beruhige Dich, gute Mutter, solche ungezogene Schreihälse wie Deine Jungen, giebt eS unter den Christen auch; beruhige Dich, liebes Mädchen, solche Gecken wie Dein Bräutigam müssen sich die Christenmädchen auch gefallen lassen; beruhige Dich, lieber Ehemann, Deine Frau wird sich nicht länger in diese harten schreienden Farben kleiden, als es die Christendamen auch ihun; beruhige Dich, liebe Frau, Dein Gemahl wird auch nicht länger als rother Demokrat räsonniren als seine christlichen Wcinhauskollegcn; beruhe Dich, Freund Doktor, Madame Jsak wird ihren Kleinen Strümpfe anzichen, sobald es die Nachbarinnen auch thun; beruhige Dich, lieber Gemeindehirt, Zanksucht, Intoleranz, Rechthaberei, Lieblosigkeit, Indifferenz, Parteilichkeit find drüben eben so gut zu finden — parloul comme cd er nous! oder wie die Juden auch zu sagen pflegten: die ganze Welt ist Eine Stadt! Wenn es aber ein Kapitel giebt, wo sich die Juden ganz direkt und ausschließlich als Schüler der umgebenden Christen zeigen, so ist es das vom eigentlichen Aberglauben. Von den allerältesten Zeiten her ist diese Einschwärzung Schritt für Schritt nachzuweisen, so sehr, daß mancher angestammte Aberglauben dem fremden hat weichen müssen. Dies wäre übrigens eine sehr pikante Aufgabe für Gelehrte! Für diesmal nur ein Erempel. Wußte denn wohl vor 50 Jahren irgend ein Jude, daß cs gefährlich sei, selbdreizchn zu speisen? Gewiß ebenso wenig etwas als von unseren heutigen Weihnachtsbäumen und Bescheerungen. 5. Ein Jude ist nicht zu tariren. Wo Du es nicht erwartest, unter dem Haufen unwissender Chassidim sowohl wie unter der Außenseite drS kältesten Nihilismus siehst Du mit einem Male einen mächtigen Strahl von echtester jüdischer Menschenliebe, Gewissenhaftigkeit, Aufopferungsfähigkeit, Rechtsgefühl, Gemeinsinn aufsprudeln, die Dich mit den charakteristischen Zuständen nicht nur versöhnen, sondern sie Dir als nothwendige Stufen der wahren via sacra, der haJicbos eli malki ba-kodesch zeigen. Den Spruch „ein Jude sei nicht zu tariren" haben die ehrwürdigen Pharisäer 25*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.