Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 25 (13.6.1853)
- Date
- 1853-06-13
- Page
- Seite 309 (sequence 7)
- Language
- German
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309 davon in öffentlichen Blättern, und daS sozialorthodore System kann seine Experimente ungestört beginnen. OesterreLchischer Kaiserstaat. Aus Mähren, Ende Mai. (Privatmitth.) Der Zeitgeist drückt doch jeglichem Menschenwerke seinen Stempel auf! Wer sich von der Wahrheit dieses Satzes und zugleich von dem „Fortschritt" überzeugen will, den der Leitartikel einer der frühern Nummern dieses Blattes*) in eben so klaren als wahren Worten besprach, der stelle einen Vergleich an zwischen unseren Gotteshäusern aus srüheren Zeitperioden, und jenen, die ihr Dasein der Neuzeit verdanken. Nicht mehr bieten unsere neuerbauten Tempel an irgend einen abgelegenen Orr oder in ein enges Gäßchen hingebaute, von außen vernachlässigte, von innen düstere und daS Herz beinahe beengende Gebäude dar, gefüllt mit einem Gewirre von Betstühlen mannichfacher Art und beweglichen Pulten — nein! es sind Herz und Augen erfreuende Stätten, zu denen man sich hingezogen fühlt, — um dem heiligsten Bedürfnisse deS Menschen — der Erhebung zu Gott im Gebete — Genüge zu leisten. — Dies meine Gedanken, als ich das herrliche Gotteshaus zum ersten Mal erblickte, daS die israelitische Gemeinde zu Eibensch i tz mit einer Opferwilligkeit und Vereinigung aller zu Gebote stehenden Kräfte aufführte und ausschmückte, die dieser Gemeinde um so mehr zu aller Ehre gereicht, als in unsrer Zeit die Klage über JndifferentiSmuS im Gebiete der religiösen Interessen so vielseitig ertönt. Die allgemeine Theilnahme der einzelnen Gemeindeglieder und ihr Interesse für dieses in den Annalen einer Gemeinde allerdings hochwichtige Ereigniß zeigte sich vorzüglich bei der am 2b. Mai l. I. stattgefundenen Einweihung deS neuen Tempels. Da warS von allen Gesichtern deutlich zu lesen, daß die Thätigkeit der letzten Tage allgemein lediglich auf die Vorbereitungen zu diesem Gemeindefeste gerichtet worden war, welches, in dem Wonnemonat vor sich gehend, wo die Natur in ihrem schönsten Schmucke prangend, daS Herz erweitert und für alles Höhere empfänglicher macht, noch mehr an Sinnigkeit und Weihe gewinnen mußte. — Der sehnlich erwartete *) Nr. 21. des l. Jahrganges. Morgen brach endlich an; der wolkenlose Himmel und die freundlich strahlende Frühlingssonne verkündeten daS schönste Wetter zur Verherrlichung deS Festes, welches um 5 Uhr Morgens durch Böllerschüsse angekündigt und durch die lustigen Märsche der trefflichen Kapelle deS leichten Inf.-Regimentes Zanini eröffnet wurde. Die Gassen füllten sich bald mit einer festlich geschmückten Menschenmenge, zu welcher die benachbarten Gemeinden ein bedeutendes Kontingent geliefert hatten. Um 10 Uhr beginnt der Zug zum Gotteshaus, der unter Vorgang der Kapelle und des Chorpersonales von 4 Rabbinern eröffnet wird, jeder eine reichgeschmückte Gesitzrolle unter einem gemeinschaftlichen Baldachin tragend; während deS Zuges ward Ps. 113 und 122 vorgerragen. Bald wird vor einem Gitterlhor angelangt, zu welchem eine Anzahl Stufen aufwärts führen, hinter demselben ein geräumiger Vorplatz, — sinniger Weise zu einem Blumengarten bestimmt, — der von der einfachen aber würdigen, ungefähr 14° breiten Tempelfacade begrenzt wird. Der Vertreter der Regierung, Sr. Hochwohlgeboren, Herr Baron v. PillerSdorf, k. k. Bezirkshauptmann zu Brünn, wird von einem jungen Mädchen, dann vom Bürgermeister der israelitischen Gemeinde ehrfurchtsvoll begrüßt, ihm der vergoldete Schlüssel zum Hauptthore der Synagoge übergeben, die unter rauschenden Fanfaren und Böllerschüssen geöffnet wird. Alles stürzt in die geräumigen Hallen, die in ihrem reichen und festlichen Schmucke einen imposanten Anblick gewähren. Lampen, Leuchter, heilige Lade, Vorhänge, heilige Geräthe, alles zeugt dafür, daß mit vollen Händen gegeben, von ganzem Herzen gespendet worden ist. Bald füllen sich alle Räume mit zahlreichen Gasten, darunter k. Beamte, Offiziere, Geistliche, Vorstände benachbarter Gemeinden, die Gallerien mit einem schöngeschmückten Damenkranz besetzt. Die Einweihung geht auf gebräuchliche Weise ohne Störung zur Befriedigung der Anwesenden vor sich, die meisten Gesangstücke unter Begleitung von Blechinstrumenten. Die EinweihungSrede hielt H. D. Oppenheim, Rabbiner zu Jamnitz, Sohn des betagten würdigen OrtSrabbinerS. Den Spruch Simon des Gerechten (4b. l, 2.) zu Grunde legend, und die Synagoge mit der StiftShütte vergleichend, mit der sie die vier heiligsten Geräthe (Lade, Leuchter, Tisch und Opferaltar) gemein hat, entrollte der be-