Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-06-13 · Heft 25 (13.6.1853) · p. Seite 308

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 25 (13.6.1853)
Date
1853-06-13
Page
Seite 308 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225848--13187-3299472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

308 Filiale in England, ungemein auSgebreitet, während die hier eingebornen christlichen Kaufleute nicht bloS wenig Theil daran hatten, sondern so wenig Notiz davon nahmen, daß erst vor einigen Jahren, als hier eine dekaillirte Handelsstatistik eingeführt warb, der größere Theil des kaufmännischen Publikums, ja die Kommerzdeputation selbst eS mit Erstaunen erfuhren, wie bedeutend dies Geschäft hier sei, und welchen großen Theil an den Zollrevenüen die Stadl ihm zu danken habe. Andererseits darf man jedoch nur die erste beste hiesige Einfuhrliste in die Hand nehmen, um zu sehen, wie unglaublich wenig hiesige jüdische Häuser an dem eigentlichen hamburgischen Welt- und Seehandel partizipiren. Auch daS ist freilich leicht zu erklären, schon aus dem Umstande, daß erst seitdem wir hier Bürgerheißen, also seit 1849, wir an der Eremtion vom Staderzoll, die nur Bürgergut unter hamburgischer Flagge trifft, profitiren können. Durch daS Kultiviren einer und derselben Branche hat sich nun eine Kette gebildet, die von dem alten Weibe, das an der Straße Bandreste verkauft, bis an den Millionair reicht, für den kein Gewölbe auf der leipziger Messe groß genug ist, eine Kette, die unS zwar mancherlei Bortheile darbietet, unter anderm den der leichtern Unterbringung unsrer Söhne in Handlungen (es werben sogar bei nichtjüdischen Häusern für das Manufakturwaarenfach jüdische Kommis häufig vorgezogen); die aber durch Verewigung einer großen Anzahl von Eigenthümlichkeiten im Denken, Sprechen und Benehmen, allen denjenigen nicht wünschenSwerth erscheinen muß, die, wie man eS von dem größten Theil des Publikums dieser Zeitung annehmen darf, die Maxime anerkennen, daß außerhalb der ReligionSmomente der Jude sich nicht von seinen übrigen Mitbürgern unterscheiden soll: nach dem Vorbilde Mosis, den ja seine Braut, nachdem sie ihn gesehen und gesprochen harte, noch immer für einen „ägyptischen Mann" hielt. ES wird nun ohne Zweifel der Fall eintreten, daß unsere hiesigen Glaubensgenossen sich mehr dem Welthandel, der Seefahrt, der Rheverei und den mit diesen zusammenhängenden Gewerben zuwenden; die Verschmelzung der Interessen wird immer größere Fortschritte machen, so daß die soziale Trennung auf daS naturgemäße Minimum herabsinkt, das die jüdischen Gebräuche streng bedingen und daS nothwendig die Anhänger einer minderzähligen Konfession näher an einander führen muß, als an die Mitglieder der herrschenden Kirche. Während nun so der Strom der Zeitbegebenheiten eine Annäherung herbeiführt, werden an vielen Orten — hier in Hamburg noch nicht — pharisäischer Seils ohnmächtige Versuche gemacht, die Scheidewand zwischen Juden und Christen, ja zwischen Juden und Juden, zu erweitern. Man glaubt, der Wind sei jetzt solchen Unternehmungen günstig, und da man den in sich gefestigten Standpunkt der früheren Vorfahren nicht besitzt, da man sich, bei aller Rollenfestigkeit, doch weit mehr frommer Nominalist als Realist fühlt, so schaut man auch das nicht, was jene Vorgänger mehr als die Hölle schauten — die Funktion eines Masser's, d. i. eines Denunzianten. So ein kleiner offizieller Besuch bei einem Bürgermeister, oder einem Regierungspräsidenten, so ein kleiner Zeitungsartikel mit der Andeutung, in der und der Schule werde statt Religion — Atheismus gelehrt, da und da werden Sozialismus und Kommunismus gepredigt u. dgl. m. — das gehört (Denn wir scheuen ja in solchen Dingen daS Chuckat-ha-Goy keineSwegeS) zur Pastoralklugheit. Psychologisch ist daS alles freilich begreiflich: steinigen, auSpeitschen, erkommuniziren, auS dem Lande bringen, und wie alle diese GlaubensbeförderungSrezepte heißen, dazu kommen wir ja leider noch nicht — und daS Herz hat ja seine Rechte, und will ihrer auch einmal froh werden: daS pharisäische Pfaffenherz nämlich. Wenn wir unS in diesen Blattern allmälig angewöhnen, diejenige Partei unter unS Juden, die sich von Nichtjuden am liebsten die „altgläubige" schelten läßt, vielmehr als die „pharisäische" zu bezeichenen, so glauben wir daS rechtfertigen zu können, wenn wir zunächst auf diejenigen Stellen der Evangelienbücher Hinweisen, in denen unsere heutigen Phärisäer mir daguerreotypischer Aehnlichkeit geschildert sind, während wir für uns mutstis mutaockis die Stellung der „hellenistischen Juden" beanspruchen. Der letzte Federkrieg der angedeuteten unerquicklichen Art fand in Frankfurt a. M. statt, wo freilich von beiden Seiten zur Genüge gesündigt ward, wo aber der Vorkämpfer der Pharisäer in Gefahr gerieth, aus der Reihe der satisfaktionsfähigen Gegner zu fallen. Hoffentlich sind die Akten dieses Streites jetzt völlig geschlossen, wenigstens findet man nichts mehr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.