Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 25 (13.6.1853)
- Date
- 1853-06-13
- Page
- Seite 305 (sequence 3)
- Language
- German
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305 als Freunde und Brüder, aus ihrer Mitte erwählt und, wenn auch kärglich, unterhalten. Das aber war und ist ihre Stärke! und wenn wir ihnen darin nicht nachahmen, zumal in den Zeiten religiöser Reaktion, so wird unsere Kirchengcsellschafr, rechter sowohl als linker Seite, in diesen Ländern zu Grunde gehen, selbst ohne äußere Auslösung. Zweitens werden es unsere mecklenburg-schwcrinschen Glaubensgenossen nicht übel nehmen, wenn wir ihre Zahl für gar zu unbedeutend halten, als daß uns der auf ihre religiöse Freiheit gemachte Angriff nicht in ein dem Lächeln verwandtes Erstaunen versetzen sollte. 2400 Seelen in mehr als 30 Orten zerstreut, bilden, wie die Engländer sagen, ein aus Sand gedrehtes Seil; und gesetzt, man hätte die alle zum Pharisäismus verpflichtet, was dann? Es ist wahr, in einem Lande, wo man das, wie Viele behaupten, spezifisch germanische Prinzip, des Nichtzusammenhangcns der VolkSklasscn mir Liebe zu kulriviren scheint, wird man auch suchen, die Juden auf sich selbst zu konzentriren; allein man vergißt dann, daß sie in diesem Zustande immer mehr eine geschlossene Handelskorporaiion bilden, aus der jeder Einzelne das Land verläßt, sobald er Geld genug hat. Auf ein solches Land muß eine solche, fest verkittete Korporation nothwendig einen unerwarteten und unerwünschten industriellen Druck ausübrn, in einem Jahrhundert, wo doch mit dem Stammbaum, der Registratur und dem Haselstock allein unmöglich durchzukommen ist, sondern wo das industrielle und merkantilischc Leben sich doch am Schluffe jeder Rechnung als Hauptnenner findet. Drittens: was kann eigentlich die momentanen Regicrungsbeamtcn zu diesem aufregenden und fruchtlosen Verfahren vermögen? Wenn nun erst in Schwerin ganz und gar ein Oberrabbiner fitzt, der cs für sündlich erklärt, Fleisch innerhalb 6 Stunden nach Käse zu essen? Eine in einigen Zeitungen dem Herrn Hassenpflug fälschlich in den Mund gelegte Aeußcrung zeigt uns vielleicht die Spur. Herr Minister Hassenpflug soll nämlich gesagt haben, er kenne keine deutsche Juden, sondern blos solche, die ihr Vaterland in Palästina haben. Wie gesagt, Herr Hassenpflug ist viel zu klug und auch viel zu gelehrt, um einen solchen Unsinn — der freilich einem gewöhnlichen Zeitungs-Tagelöhner hcrausfahren darf — jU äußern. Er würde den Einwurf erwarten, daß dann eigentlich alle Kreuzfahrer, da sic Palästina in Besitz hatten, nichts Eiligeres hätten thun dürfen, als Jerusalem den Juden ausliefern und als geduldete Beisassen unter ihnen wohnen; daß ferner dann alle die alten Judengcmeinden im Römcrrcichc, namentlich die, in denen die Apostel predigten (da ja damals alle Juden in Palästina wohnen durften), nicht die rechten Schafe aus dem Hause Israels gewesen, und miihin jene Predigten an die unrechte Adresse gegangen waren; daß namentlich der Apostel Paulus sich auf sein römisches Bürgerthum nicht hätte beziehen dürfen; und — um auf die Jetztzeit zu kommen — daß alle deutsche Regierungen Thoren wären, wenn sic sich zu Zeilen an den Patriotismus ihrer jüdischen Bürger und Einwohner in persönlichen, und, wie z. B. der kurhcssischc, auch in pekuniären Leistungen wendeten, oder sich gar von Juden als Generalkonsuls u. s. w. repräscntiren zu lassen. Wie gesagt: von Herrn Hasscnpflug kommt eine solche Aeußcrung gewiß nicht. Aber die Sache liegt etwa so. Man har vernommen, cs gebe unter den Juden einzelne Stimmen, die, eben wie die Kinder Israels in der Wüste, sich nach dem alten gewohnten Aegypten zurückschncn. Man erkundigte sich, und fand, daß diese Ansicht bei den im Allgemeinen so überaus orlhodoren englischen und holländischen Inden ganz und gar nicht zu finden ist; und doch wünschte man, bei Gelegenheit mit der Behauptung aufzmrcten: die bürgerliche Gleichstellung werde von den echten sechzchnlörhigcn Juden (und zum Wardein erklärt man sich ja eben selbst) gar nicht geachtet; das sei nur Wunsch der neologischcn Reformjudcn. Warum man das wünschte? Ich Lenke: blog um des Reimes willen; cs macht sich so gut: Ritterschaft, Bürgerschaft, Bauerschaft, Judcnschasr u. s. w. Also man ist gcnöthigt, sich in Deutschland umzuschen, aber da haperts. Die älteren orthodoren Rabbiner haben sich samml und sonders bei den seil 1806 und 1813 vorkommcndcn Gelegenheiten für deutschen Patriotismus, bürgerliche Gleichstellung, BolkSthümlichkcit ausgesprochen. Es wird daher nörhig sein, junge Rabbiner anzustellcn, von der Sone, denen ein unverdautes Stückchen Hegel beim Koschcrwein im Magen stecken geblieben ist; solche Leutchen, die ihren Eholhamoed-Bart vom Friseur kräuseln lassen und sich die Nägel unter den weißen Glae.ec-Handschuhcn nur außer der Reihe bcichnciden und die Jugend dieselben Kunststücke lehren. Diese fiudiren vorzüglich die vornehme Haltung katholischer Prälaten ein und sind — gewöhnlich erst, nachdem sie eine gute Partie gemacht haben — zu beliebigen Erklärungen leichter bereit. Und so könnten wir in etwa 10 Jahren ein deutsches Synödchcn erleben, dessen Erklärungen alle die der 72 echt orrhodoren Rabbiner, die das Pariser