Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 25 (13.6.1853)
- Date
- 1853-06-13
- Page
- Seite 304 (sequence 2)
- Language
- German
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304 verlangen nicht, daß sie sich ihre Bürgerbriefe ans Georgien und Tschcrkessien kommen lassen — aber wenn wir uns sagen müssen: dort an jener Stelle hat man offen und unumwunden ausgesprochen, was man an vielen anderen tief im Herren trägt, und es nur nicht ausspricht, und daß so unsre edelsten und ausdauerndsten Bestrebungen ohne Erfolg an dem Haß und den Vorurtheilen. mit welchen man uns nun seit zwei Jahrtausenden verfolgt, verloren gingen.. . fürwahr, eine große Versuchung, eine harte Prüfung ... Und doch find dies nur zu Tage kommende Ertreme und am Ende in kleinen Thcilen der deutschen Erde. Aber wie Vieles liegt dahinter... Jüngst bekam ich an einem Tage, in einer Stunde, zuerst ein Zeitungsblatt in die Hände, in welchem, man kann sich denken mit welchen Randbemerkungen, die prachtvolle Villa eines jüdischen Kaufmanns beschrieben wurde, aber eines Kaufmanns, dessen Firma eine sehr geachtete, reelle, nur durch daS solideste Arbeiten emporgekommcne, eine Firma, mit der, wenn man ihr ihr Glück zum Vorwurf machen wollte, der ganze Kaufmannsstand verurtheilt würde — und dann einen Brief vom Rheine, in welchem ein jüdischer Jüngling. der Jura studirt hat, dem nun in der jüngsten Zeit seine Karriere verschlossen worden, und welcher seine Religion nicht verlassen will, bei mir anfrug, was er anfangen solle?... Was er anfangen solle? Ich packte ihm sofort das Zeitungsblatt ein, und schrieb ihm: das, das werde! da die Welt dem Juden wieder jede Sphäre außer dem Gewerbe verschließt, so werde Kaufmann, so kann man gerade dem Hellern jüdischen Kopfe nichts angelegentlicher sagen, als: werde Kaufmann, laß Kunst, laß Wissenschaft, wo man Dich doch nur als Stiefktnd ansicht, und werde Kaufmann — denn da gilt der Mann, Du wirst doch über das alte Vorurtheil hinweg sein, als ob das eorpus ^uris oder die tibetanische Grammatik oder das Forschen nach dem Namen der Großmutter des Tartarchans oder dgl. ein edleres, den Zweck des Menschenlebens erfüllendereS, den Geist erhebenderes und erleuchtenderes Streben sei, als das, ein tüchtiger Gcwerbsmann zu sein und im Leben, im wirklichen Leben zu schaffen und zu wirken... Das schrieb ich zur Antwort, und diese Antwort richte ich hiermit an Euch, ihr Eltern... aber eine schwere Prüfung, eine harte Versuchung bleibt es! Gewiß. Auch diese Prüfung wird vorübcrgehen, wie die früheren, anderer Art, auch vorübergingen. Wie lange es währen wird, wissen wir nicht. Wie viele Generationen ihr noch unterworfen sein werden, wir wissen es nicht. Aber daß sie vorübergehen wird, dafür trägt sie die Bürgschaft schon in sich selbst. Und das wissen wir, daß tiefinnersten Lohn und eine bleibende Beftiedigung davon tragen wird Jedweder, der diese Prüfung trägt, und dieser Versuchung widersteht. Darum harret aus, all ihr Edlen unsers Stammes und Glaubens — denn im Ausharren liegt ein unendlicher Sieg und Triumph'.... Hamburg, 6. Juni. „Da nun die Nothwendigkeit von Reformen erkannt, „solche aber auf dem bisherigen Wege als nicht erreichbar „sich erwiesen, so ist der in den obigen Bestimmungen „enthaltene betreten. Im Uebrigen ist das Ministerium „sich bewußt, hinsichtlich feinem Uriheile, die erlauchte:- „sten (!) und bewährtesten (!) Israeliten aller Zeiten (!) „für sich zu haben." So schließt in unserm „unparteiischen Korrespondenten" ein Originalartikel aus Schwerin vom 3. Juni, der die neue „Maaßregel" des gegenwärtigen schwerinschen Ministeriums behandelt. Zuförderst laßt uns Israeliten alle — und es wird Wenige geben, die das gewaltsame Eingreifen einer fremden Kirchenbchörte in daS Innere unserer Religionsangelegenheiten nicht empörte — uns daran ein Erempel nehmen, was die Folgen find, wenn Unbesonnene unter uns in kindlicher Freude jubeln, wenn irgendwo ein „christlicher Staat" durch Geldzuschüsse, Titelverleihungen, Wahlpräsidien u. s. w. sich eine Autorität in unseren Tempeln erwirbt. Wer es vor Jahren gebilligt, oder gar veranlaßt hat, daß mit Polizeigewalt das Jekum Purkan oder das Ab Ha-Rachamim oder das Raschi-Erklären abgeschafft ward, der darf sich nicht beklagen, wenn jetzt dieselbe Macht die Wünsche des „treuen Zionswächters" befolgt: und wer jetzt frohlockt, der wird sich nicht beklagen dürfen, wenn zu andrer Zeit oder an anderen Orten der Landdragoner seinen Kindern das Mützchen vom Kopf oder das Omerbüchelchen aus der Tasche zieht. Beiderlei Gewissenszwang hat diese Zeitung redlich, obwohl mit wenigem Dank, bekämpft, und wird es auch ferner nach Kräften thun. Die Christen der ersten Jahrhunderte sowohl als noch heute die Katholiken Irlands verschmähten die Subsidien der Staatsgewalt und ihre hierarchischen Titel. Die Geistlichen und Lehrer mochten dem Volke nicht gegenüberstehen als bestallte Staatsbeamten, sondern vielmehr