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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-06-06 · Heft 24 (6.6.1853) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 24 (6.6.1853)
Date
1853-06-06
Page
Seite 298 (sequence 8)
Language
German
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298 vorgefunden wird. Der Chasan zeichnet sich gewöhnlich durch eine schmächtige Figur, einen schwarzen Rock, einen in der Zugend schwarzen Backen- und Kinnbart aus. An gewissen Tagen trägt er einen runden oder dreieckigen schwarzen Deckel auf dem Kopf. Er besitzt gewöhnlich eine hohe und schmelzreiche, sehr biegsame Stimme, deren Kraft er dadurch zu heben sucht, daß er beim Singen einen oder beide Daumen auf den Kehlkopf und die Hand an die Backen drückt. Er ist besonders daran kenntlich, daß er sich viel mehr auf das einbildet, was er nicht kann, als auf das, was er kann. Daß sein Name in hebräischen Lettern anagrammatisch anzeige, er sei ein Narr, dem wird in neuerer Zeit häusig widersprochen. Es soll dieser Jrrthum durch die alte, malitiöse Parabel veranlaßt sein, daß, als der liebe Gott eines Tages den Menschen ihren Beruf, jedem den seinigen anwies, ein Mann ganz nonchalant auf der Bank fitzen geblieben sei. Als nun alles fertig war, sah ihn Gott. „Wo warst Du denn, als man die Welt vertheilte?" fragte er ihn. Lieber Gott, sagte der Mann, Du wirst mich doch nicht leer ausgehen lassen! „Aber ich habe alles schon vergeben, sprach Gott, da liegt bloS noch ein alter Sack voll Narrheit, den Niemand annehmen wollte : magst Du Dich damit befassen, so soll er Dein sein." Der Arme zögerte: ich werde ja zum Gespött bei allen meinen Mitmenschen, und was habe ich denn überhaupt daran? Voll Mitleids sagte nun der Herr: „Gut, mein Sohn, ick will Dir ein Equivalent geben. Zch weiß, Du gehst fleißig in die Synagoge und betest mit den Uebrigen: so will ich denn, wenn Du den Sack dort mitnimmst, Dir das Privilegium ertheilcn, daß Du statt auf Deiner Prioaistclle, in der Milte erhöht vor allen Leuten stehen und beten und singen und schreien darfst nach Herzenslust, und alle müssen schweigen und Dir zuhören." Der Vor» schlag ward akzeptirt, und seitdem ist nun die Chasanerie mit der Narrheit verbunden. So lautet die alte ehrwürdige Parabel, aber ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß heutzutage kein Mensch mehr daran glaubt. Was nun die eigenthümliche Methode anbclangt, an der daö geübte Ohr den Gesang dieser Spezies sofort erkennt, so besteht er vornehmlich in einem besonders markirten Hervortreten der — wahren oder affckkirten — Subjektivität, einem sehr häufigen An- und Abschwcllcn des Tons bis zum ppp, einem frequenten, aber naiven Gebrauch des Falsetts, einem gewissen sein näselnden Schleifen der Vokale, verbunden mit vielen Doppelschlägen und Verzierungen, bei denen die grammatische Quantität wenig geachtet wird, oft auch in einem absichtlichen Vibrircn des Tons und in einer gewissen elegischen Veloutirung, die über das Ganze gezogen ist. Zn neuester Zeit hat diese Sing-Methode viel Eingang in Deutschland, besonders beim einstimmigen Liedergesang gefunden, selbst Komponisten nehmen darauf Rücksicht, und möglicherweise erlangen Sulzer und Weintraub eben so viel Einfluß auf den Gesang, als Heine und Saphir auf die Poesie. DaS Weibchen gedachter Spezies fingt selten Sopran, häufiger Alt, doch dies größtentheils unrein, und überhaupt mit sehr unklarer Vokalisation. Oratorien haben einen besondrrn Reiz für dasselbe und sie werden daselbst oft in ganzen Zügen gefunden! Eine außerordentlich verbreitete Abart des echten Chasans ist der Bal-Tfille (dedraeus canlalor yemenoraicus L.), kenntlich daran, daß er beim Eintritt des Monats Elul in eine sieberartige Aufregung geräih, die sich vornehmlich durch das fortwährende Brummen gewisser Melodien und durch dicke Bewickelung von Hals und Mundwerk verräth. Die übrigen Monate steht der Bal- Tfille von 8 zu 8 Tagen auf der Lauer, ob nicht dem wirklichen Chasan eine Ohnmacht oder ein andrer Unfall begegne, damit er rasch einspringen könne. Unter Anderm pflegt er sich auch einzubilden, Niemand könne ein Schalscheles so gut Vorbringen als er. 2) Der Kozin (domo dedraeus opuleus L>.) ist eigentlich nur ein veredelter Schnurrer (dedraeus nihil- Kadens vagabundus L.), und seine Verwandtschaft mit demselben ist fast nie zu verkennen, obgleich er sich in der Regel nicht weiter mit dem nächsten Schnurrer zu kreuzen pflegt, selbst wenn seine ganze Sippschaft noch zu demselben zählt. Er zeichnet sich durch besondere Zärtlichkeit gegen seine Zungen aus, namentlich gegen seine Töchter, die er aber gewöhnlich in seinen letztwilligcn Verfügungen sehr gegen die Söhne zurücksetzt. Dem Elephanten gleich ist er sehr empfindlich gegen Schmeicheleien, legt aber oft den meisten Werth nur auf diejenigen, die aus dem Munde von Christen (domo redemplus nazarenus L.) kommen. Er trägt gerne Haufen von vierkantigen Papierstücken zusammen, die er in Blechkastcn steckt, und diese in eisernen' grün oder braun lackirtcn Schränken bewahrt. Von Zeit zu Zeit nimmt er die Papiere aus ihrem Versteck, und trennt von jedem ein Endchen ab, von welchem er sich dann ernährt, und den Rest zu neuen Absenkern verwendet. Er ist auch kenntlich an der Sucht, sich an recht große Thiere zu

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