Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 24 (6.6.1853)
- Date
- 1853-06-06
- Page
- Seite 296 (sequence 6)
- Language
- German
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296 geistigen Entwickelungsgang und auf seine so bestimmt ausgeprägte theologische Richtung war vornehmlich der nähere, freundschaftliche Umgang desselben mir Herrn Dr. Geiger, an dem er stetS mir der innigsten Dankbarkeit und Liebe hing. Im Jahre 1847 zum Doktor promovirt, wurde er im Februar 1848 fast einstimmig zum Prediger der hiesigen Brüdergemeinde erwählt; indessen konnte er, der wirren Zeitverhältnisse wegen, die unmittelbar darauf begonnen, erst gegen Ende dieses Jahres dem ehrenvollen Ruse Folge leisten. Sein Wirken in dieser Stellung als Prediger und Religionslehrer war nach allen Seiten hin segenS- und einflußreich. Ihr widmete er unausgesetzt und ohne Rücksicht auf seine zerrüttete und der Schonung und Pflege so bedürftige Gesundheit seine besten Kräfte. Ein echter und wahrer Jünger des Gotteswortes, daS einen so beredten und geistreichen Ausleger und Erklärer an ihm gefunden, wußte er den früher in den von ihm vertretenen Kreisen nur schwach vorhandenen religiösen Sinn zu wecken und zu heben; seine geist- und gemüthvollen Predigten sammelten stets ein zahlreiches und gebildetes Publikum um ihn, und selbst die Mitgliederzahl seiner Gemeinde mehrte sich von Jahr zu Jahr, so daß ernstlich an den Neubau eines größern Tempels gedacht werden mußte. Er war wie durch und durch wahre Natur; durch keine Rücksicht ließ er sich .von der klaren, unbemäntelten Verkündigung des von ihm als wahr Erkannten abhalten; darum auch übte sein Wort, das aus dem Herzen kam, eine so gewaltige Macht auf die Herzen; darum war sein Wort lebendig und kräftig und wurde mit Freuden ausgenommen, von denen, die es hörten; darum hat es Frucht gebracht, und so manches Edle und Gute hervorgerusen und gefördert in der Milte seiner ihm ganz vertrauenden und hingegebenen Gemeinde. Ja, ein harter, schwerer Schlag hat letztere betroffen, und herrscht hier die allgemeine Ueberzeugung vor, niemals diesen Verlust ganz ersetzt zu sehen. Er war ein Lehrer in Israel, wie sie nur selten sind 77x7 a-^pa insu w-n-i gleich anerkennenSgleich achrungSwerth in Wort und That. Die HülfSbedürfrigen fanden an ihm einen stets warmen und theilnehmenden Helfer, denn sein Herz war offen, edel, wohlwollend für Alle, die es in Anspruch nahmen; seinen Eltern und Geschwistern war er der beste, aufmerksamste Sohn, der zärtlichste Bruder; seinen Freunden ein treuer, aufrichtiger Freund, und werden sie in der weiten Ferne, wie ich in seiner Nähe, noch lange ihm so manche stille Thräne der Trauer und der Liebe weihen; seiner Gemeinde war er stets ein sanfter, friedfertiger, weiser und besorgter Führer; dem Judenthum ein erleuchteter, mit den edelsten Anlagen des Geistes und Gemüths ausgerüsteter Wortführer und Vertheidiger. So lebte und wirkte er in unserer Mitte mehr als vier Jahre lang, und jedes Jahr erweiterte den Kreis seiner Anhänger und Verehrer, und verringerte den auch gegen ihn, den so sanften und einfachen Biedermann, von Anfang an nicht ganz fehlenden Glaubenseifer der sogenannten Frommen. Von Allen geachtet, war er trotz seines siechen, dahinschwindcuden Körpers unausgesetzt und gewissenhaft thätig in seinem Amte. Nur seit dem letzten Herbste, wo er einem heftigen Choleraanfall nur schwer entronnen war, sah er sich öfterer als sonst in der Ausübung seiner ihm so theuren Amtsfunktionen behindert. O, er war schwer heimgesucht und geprüft, und mußte den Leidenskelch bis zur Neige leeren! Die letzten Ostertage noch predigte er. Tags darauf, an seinem Geburtstage wurden ihm wiederum — wie alljährlich — von der Gesammtgemeinde und von vielen Einzelnen so manche Beweise der Liebe und Achtung zu Theil. Ach, wären die Wünsche doch, die in den Herzen so Vieler an diesem Tage für ihn rege waren, erfüllt worden! Doch nein, das neue Lebensjahr sollte gar dunkel für ihn aufgehen; denn der Herr des Lebens hatte es so bestimmt. Den 3. schon erkrankte er und zwar so schwer, daß bald die Hoffnung» ihn zu erhalten, geschwunden war. Den 17. endlich, und zwar des Morgens um 4 Uhr, hauchte er nach schwerem Kampfe seine so reine Seele auS. Am 19. Nachmittags war das Leichenbegängniß. Ein wohlgeordneter Zug von fast allen Männern und Frauen seiner Gemeinde, einer zahlreichen Schuljugend, so wie eine sehr bedeutende Menschenmenge aus allen Ständen und Konfessionen folgten dem theuern Verklärten zur Gruft. Hier hielt Dr. Meise!, der durch den Telegraphen von Stettin herberufen ward, am Grabe seines ehemaligen Schülers und Freundes eine alle Anwesenden tief und innig ergreifende Leichenrede. Die alten Eltern, die Geschwister und Freunde und nicht minder seine deS verehrten Führers nun beraubte Gemeinde werden mit