Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 23 (30.5.1853)
- Date
- 1853-05-30
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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288 darfst Du nicht abhängig sein um Weib und Kind, da darfst Du nicht bangen um Weib und Kind, da darfst Du nicht Vortheil suchen um Weib und Kind — frei, wie der Adler in der Luft, frei, Esra, und blos um Gottes und Israels willen mußt Du wirken für Gott und Israel — sonst bleibe hier, und... sei... mein..." Und fee ergriff mit beiden Händen das Obergewand auf Esra's Brust und weinte sehr und legte ihr Haupt an seine Schulter. „Du sollst nicht untergehen, Esra" — hob sie abermals an, als sic sich gefaßt — „nicht um meinetwillen untergehen — sollen die Neider flüstern: er sammelt Schätze heimlich für Weib und Kind, die Gegner schreien : er will Rang und Würde für seine Söhne — nein! Esra, dieses erniedrigte Israel soll niemals Dich erniedrigen ... niemals soll es D i r etwas geben, niemals Dir etwas leihen, sondern nur Du sollst ihm geben, ihm leihen... laß mich, mein Esra, laß mich Alles sagen ... Sieh, dies ist der einzige Trost, der mir geblieben, dies die Weihe meiner langen, langen Einsamkeit — nicht ich soll der Grund Deines Falles, Deines Mißlingens sein, vielmehr der Gedanke an mich Dich ganz begeistern, Dich zu unerschütterlicher Ausdauer stählen, Dich friedlich umsäuseln, wenn Du in Deine stille Priesterzelle kehrest..." „O, Naarah, großes, edles Herz..." „Siehst Du, Esra, da mir das hohe Loos geworden, Deine Naarah zu sein, und da Dir das hohe Geschick geworden, Jsrael's zu sein, nicht dieses Israel's um unS herum, sondern jenes ewigen, göttlichen Israel's, das niemals ausstirbt und zwar nur einzelne, aber doch tausende Herzen zählt in jeder Zeit — so will ich Dich nicht herunterziehen von Deiner Höhe, und Du mich nicht von meiner... ja, und da wirst Du mir dennoch Vieles verdanken, und Israel Dir durch mich ... und Du wirst mich nie vergessen —" „Vergessen, Naarah?" erwiederte Esra, und seine Stimme rang sich mühsam hervor — „kaum wohl der Mensch sein selbst vergessen, so lange die Bande seines Geistes Zusammenhalten? Und bist Du nicht mein selbst geworden, Naarah?... nein! laß mich nicht trunkene Worte sprechen in dieser höchsten Stunde unsers Lebens, wo wir uns ganz im Andern fühlen — o Du Stern meines Lebens, o Du Sonne meines Daseins... Du geleitest und begleitest mich auf meinen Wegen, Du öffnest mir die Pforte deS Geistes, daß der Geist GotteS hineindringt und ihn beschwingt; und wenn an den Wegen meines Lebens eine Palme steht, die mir Schatten giebt, so bist Du es, und eine Zypresse, die meine Trauer in Wehmuth löset, so bist Du es..." Doch still... lassen wir die beiden edlen Menschen hinaustteten vor den Eingang des Zeltes unter den tiefblauen Nacht- und Sternenhimmel; lassen wir sie Gespräche der innersten Seelen halten, denen kein Dritter lauschen kann, weil er sie nur versteht, wenn er selbst darinnen ist; lassen wir den Bruder Schemajah dann zu ihnen treten, und diese Drei einen Bund schließen, einen hohen, heiligen Bund, Geist zu Geist in seiner Unsterblichkeit, einen unvergänglichen ... Da die Morgensonne im Osten den ersten Sttahl entsendet, steigt auf der einen Seite eine verschleierte Jungfrau auf ihr Maulthier, und ein theurer Bruder fasset den Zügel und leitet es sorgsam durch die bethaute Flur, der Stadt zu, deren goldene Zinnen eben erglühen, das Morgenroth darüber — um später zurückzukehren, wenn er die holde Schutzbefohlene dem Vater wiedergcgeben_ Und auf der andern Seite steigt ein hoher Jüngling zu Roß und neben ihm die Allarmttompete, welche daS Lager zum Aufbruch weckt — Einige Stunden später, nnd der Aheva floß einsam durch ein zertretenes Feld... Aber vom Saume der Wüste her scholl mächtiger Volksgesang: Führ', Ewiger, unsre Gefangnen zurück Wie Bäch' in dürres Land. Wie jubelte unsre Seele auf, Da man gesprochen: Zum Haus deS Ew'gen laßt uns ziehen! Wie werden steh'n in deinen Thoren, Jeruschalajim, unsre Füße! Siehe, nicht schläft, nicht schlummert der Hüter Israels Am Tage wird die Sonne Dich nicht treffen, Und in der Nacht der Mond. Zieh hin, zieh hin durch Wüstenschrecken, Auf Löwen trittst Du, über Natternbrut. Der Ew'ge hütet Deinen AuSgang, Und Deinen Eingang ewiglich. Lanze, lange währte cs, bis der Gesang in die Ferne sich verlor... 0r. Ludwig Philippson.