Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-05-30 · Heft 23 (30.5.1853) · p. Seite 281

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 23 (30.5.1853)
Date
1853-05-30
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225846--13158-3299441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

281 unsere Alt- und Neukonservativen aus getrennten Bahnen wandeln, und daß der Rabbinismus wohl der perorirenden und reimenden Romantik hin und wieder den Hof mache, ohne sich jemals mir derselben vermahlen zu wollen, — so würden die Vorgänge in Wien dies aufs Unzweideutigste beweisen. Die Mehrzahl der Frommen daselbst benimmt sich recht freundlich gegen Mannheimer. Die ungarischen Rabbinen, welche zur Verbesserung ihrer finanziellen Verhältnisse nach Wien reisen, verfehlen nicht, ihm ihre Aufwartung zu machen, und sich seiner Fürsprache zu sichern. Aber die „Chorschul" bleibt nach wie vor verpönt, und nur als vrirr kann man sich den Besuch derselben gestatten. In der zu bauenden Synagoge soll der -,7N, Singer und Baß nach „herkömmlicher" Weise „abtauschen", und die ambulanten Ständer mit all dem obligaten Zubehör sollen die Herrlichkeit vollenden! — Ich weiß dies Alles aus der zuverlässigsten Quelle, von Leuten nämlich, die selbst tausende subskribirt haben, um das in Mißkredit gekommene Hamanklopsen wieder in Mode zu bringen, da ja dasselbe von Abele Gumbinner, — den selbst der gelehrte Dr. Beer in Dresden als „Autorität" preist, — nachdrücklich in Schutz genommen und empfohlen wird!! In einer Gesellschaft, welche den projektirten, — von der Regierung immer noch nicht bewilligten, — altorthodoren Synagogenbau sehr eifrig besprach, hatte ich Gelegenheit einen Brief des frankfurter Hirsch zu sehen, dessen Inhalt viel zu charakteristisch ist, alS daß ich Ihre freundlichen Leser damit nicht bekannt machen sollte. In dem Briefe handelt eS sich nicht um den wiener Synagogenbau. Auch ist er nicht nach Wien, sondern nach Baja in der serbischen Wojwodschaft gerichtet. Diese ungefähr 3000 Seelen zählende Gemeinde gedenkt nämlich dem verstorbenen, rühmlich bekannten Talmudgelehrten Götz Schwerin, welcher 30 Jahre ihr Rabbiner war, einen Nachfolger zu geben. Wie in vielen Gemeinden Ungarns machte sich auch in Baja das Verlangen geltend, einen Rabbiner zu wählen, der auch zu predigen verstünde. Von mehreren Seiten wurde der dortigen Gemeinde der wackere Rabbiner zu Aussen in Mähren, Dr. Duschak, angelegentlich empfohlen. Auf den Vorschlag einiger Gemeindeglieder wurde jedoch zuerst Hirsch zu Rathe gezogen. Dieser vergaß sich nun so weit, gegen Duschak einige orthodore Phrasen zu schleudern, und einige Individuen zu empfehlen', die kein anderes Verdienst haben, als die Helfer des projektenreichen Landesrabbiners in Mähren gewesen zu sein. Von einem der Empfohlenen, dem Rabbiner Nascher in Ungarisch-Brod, wurde in derselben Gesellschaft ein deutscher Brief vorgezeigt, über welchen vor dem Richterftuhle der deutschen Grammatik und Orthographie manches „schuldig" ausgesprochen wurde. Ein Witzkopf, — welcher der Ostentation halber die Altorthodoren unterstützt, und der Verhandlung beiwohnte, — erlaubte sich die boshafte Bemerkung, daß man es den deutschschreibenden Rabbinen nicht übel nehmen dürfe, wenn sie fehlerhaft schreiben; denn wenn schon deutsch geschrieben wird, so muß mindestens durch mancherlei Verstöße gegen Grammatik und Orthographie dem srr Errnpnii Genüge geleistet werden! Dieses Zitat bringt mich auf eine andere Neuigkeit aus Papa. Daselbst verstarb nämlich im vorigen Jahree Samuel Schlesinger, einer der Reichen, welche für daS wohlverstandene Interesse seiner Gemeinde mir unerschöpflicher Großherzigkeit die namhaftesten Opfer brachte. Wiewol nun der rechtschaffene und freigebige Schlesinger sich um die papaer Gemeinde unsterbliche Verdienste erworben har, fo sind die dortigen, durch ihre Streitlust berüchtigten Pilpulisteu doch nicht seine Freunde, da er ihren verwerflichen Tendenzen niemals huldigte. Ihre Unversöhnlichkeit gieng so weit, daß sie der Wiltwe verboten, die beabsichtigte deutsche Inschrift neben der hebräischen auf seinem Grabsteine anbringen zu lassen. Die Wiltwe wurde beim Komitatsvorstande klagbar, und trug einen entschiedenen Sieg davon. Nicht lange bevor der papaer Vorstand gegen die deutschen Grabschriften sein Interdikt aussprach, fand eS derselbe für gut, gegen daS würtembergische Religionsbuch ein Verbot auszusprechen, und den Lehrern den Gebrauch dieses Religionsbuches strengstens zu verbieten. Ein aus verschiedenen Religionsbüchern zusammengestoppeltes Manuskript des Rabbiners zu Eisenstadt (!) soll in Papa auf Befehl deS sehr unwissenden Vorstandes zum Leitfaden beim Religionsunterrichte dienen. ES ist indeß gegründete Hoffnung vorhanden, daß diese und ähnliche Uebelstände in der nächsten Zukunft einer bessern Ordnung der Dinge weichen werden. Die k. k. Statthalterei hat neuerlich wieder statistische Ausweise über die jüdischen Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.