Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 21 (17.5.1853)
- Date
- 1853-05-17
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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257 Züge wahrer Menschenliebe und Humanität berichten zu können. Ich ersuche Sie deshalb folgende Mittheilung in Ihr geschätztes Blatt aufnehmen zu wollen. Dieser Tage starb dahier im hohen Alter der Domdechant und bischöfliche Generalvikar Freiherr v. Kemp ff. Er verfügte über seinen Nachlaß, welcher zwar nicht bedeutend war, indem er sein ganzes Einkommen während seines Lebens zu milden Zwecken verwendete, folgendermaßen: 3/io desselben sollte die karhol. Stadtpfarreigemeinde, eben so viel die kath. Dompfarreigemeinde, 2/io die evangelische und eine gleich große Summe die jüdische Gemeinde für ihre Armen erhalten. So stellte er die jüdische Gemeinde den übrigen nach Verhältniß der Größe ganz gleich. Der Verblichene trug die Bruderliebe nicht auf der Zunge sondern im Herzen; dabei war er im Leben so anspruchslos und bescheiden, daß er sich in derselben letztwilligen Verfügung alles Gepränge bei seinem Leichenzuge, sowie die Abhalung einer Leichenrede verbat. Gesegnet sei sein Andenken! Friede seiner Asche! Toleranz und Freifinnigkeit zeichneten übrigens den hiesigen Klerus zu jeder Zeit aus. So war es auch einer der hochgestelltesten Geistlichen hies. Stadt, der als Testamentsvollstrecker in eigener Person den erwähnten Betrag an den an der Spitze der jüdischen Verwaltung stehenden Mann überbrachte und die Gelegenheit benutzte, zugleich seine innigste Freude und höchste Befriedigung über die Handlungsweise des Verewigten auszudrücken. Ich erinnere ferner noch an die Adresse zum Zwecke der Gleichstellung aller Konfessionen, die seiner Zeit ebenfalls von einem sehr hochgestellten Geistlichen im Aufträge des VolkScathes verfaßt wurde, und die ich damals diesen Blättern als ein Denkmal der Brüderlichkeit und Humanität zur Veröffentlichung mitcheilte. *) — Der verflossene Winter hat in der hies. jüd. Gemeinde eine herrliche Dlülhe zur Reife gebracht, die ihre Düfte über gar manches Krankenlager ausbreiten und ihre Wohlgerüche in die Wohnungen der Armuth senden wird. Es hat sich nämlich unter den hies. Frauen ein Verein gebildet unter der Benennung: „Israelitischer Frauen-Kranken-Unlerstützungsverein", der, wie schon sein Name besagt, kranke Mitglieder durch wöchentlich zu verabreichende Geldbeträge, deren Größe nach den Verhältnissen deS Hilfsbedürftigen zu bemessen ist, unterstützen will. Jedes Mitglied zahlt einen monatlichen Beitrag von 5 Sgr. Später Hinzutretende haben noch ein EinkaufSgeld zu entrichten, dessen Höhe der zeitige Vorstand zu bestimmen hat. Erst nachdem der Verein ein Jahr bestanden, sollen die statutenmäßigen Unterstützungen verabreicht werden, damit derselbe Gelegenheit habe sich zuvor einen eisernen Fonds bilden zu können. Geschenke und Vermächtnisse zum Besten der Anstalt werden zu jeder Zeit dankbar entgegen genommen. Alle 5 Jahre findet eine Revision der Statuten statt. Der Vorstand ist aus 3 Jahre gewählt und steht gegenwärtig die auch in weiten Kreisen bekannte und sehr geachtete Frau Jacobson als Präsidentin an dessen Spitze, ihr zur Seile vier andere, sehr würdige Frauen. Möge dieses Institut in allen Gemeinden Israels Nachahmung finden! — Die hies. Gemeinde steht jetzt ziemlich verwaist da: ihr fehlt der Rabbiner, der Vorsänger und der Schächter. ES wäre zum Heil und Frommen der Gemeinde, namentlich der jüngeren Gesellschaft, sehr zu wünschen, daß die beiden erstgenannten Stellen recht bald mit religiösen aber auch zeitgemäß gebildeten Männern besetzt würden. Hier bietet sich ein großes Feld der Thätigkeit und des Verdienstes für einen Rabbiner dar. — Im Laufe dieser Woche ist das hiesige Provinzialvorsteheramt um zwei Mitglieder — junge, hoffentlich auch thatkrästige Männer — die Herren S- Hesdörffcr und D. Jüdell vermehrt worden. Dasselbe besteht nunmehr aus 5 Personen: dem Präsidenten desselben, Herrn H. Epstein — der zu allen Zeiten — vor und nach 1848 — sowohl von seinen jüdischen als christlichen Mitbürgern mit Ehrenämtern betraut wurde —, den Herren S. Oppenheimer, S. Trepp und den Erstgenannten.— Diese Behörde har gegenwärtig eine Ausgabe von großer Tragweite zu lösen: die Wiederbesetzung der Provinzial-Rabbinerstelle, so wie sie überhaupt zu jeder Zeit den größten und wohlthätigsten Einfluß auf alle Gemeinde-, Synagogen- und Schulverhältnisse der Provinz auSüben kann. Das Gesetz hat das Vorsteheramt mit genügender Machtvollkommenheit hierzu ausgerüstet. — Der politische Himmel zeigt sich gegenwärtig den Israeliten KurheffenS eben so, wie anderswo, sehr getrübt und umwölkt. Ob wohl die Sonne die *) Man vgl. Nr. 27. v. 26. Juni 1848. d. E.