Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 20 (2.5.1853)
- Date
- 1853-05-02
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 verbleiben, da Jedermann aus ihr machet, was er will, der Eine einen wüsten Haufen erdrückender Satzungen, der Andre eine formlose, nebelhafte Erscheinung ohne Wirklichkeit.- Und fürwahr! ist es nicht unsre Religion, welche von ihrem Beginn an ihre rechte Erfüllung erst in die Zukunft verlegte? ihren ganzen Schwerpunkt in die Zukunft? Hat nicht Mosche selbst schon verkündet, daß Israel nicht sein würde, erst sehr, sehr spät werden würde, was es sollte, der volle, ganze Träger der Gotteslehre? Wie? wessen sind die Propheten voll? Verkünden sie nicht fort und fort die Erlösung Israels, dessen ganze Herrlichkeit einer weit, weit entlegenen Zeit angehöre? verkünden sie nicht fort und fort die Erlösung der ganzen Menschheit, dahin der Weg deS Herrn sie führe durch eine lange, lange Zukunft, die aber nimmer ausbleibe? Wo ist ein Kampf, dem sie nicht einen Sieg verheißen in der Zukunft, ein Uebel, dessen Ende sie nicht versprechen, ein Joch, das sie nicht zerbrochen, ein Knoten, Len sie nicht gelöset sahen; wie dereinst voller Tag in allen Geistern, ungetrübter Frieden unter allen Völkern, ungestörter Genuß für alle Lebenden, Erkenntniß, Recht und Liebe auf der ganzen Erde sein würde — nicht blos, wie Jeschaja ausruft (25, 7.): „da tilgt er die Hülle, die alle Völker verhüllt, die Decke, auf alle Nationen gedeckt" — mehr noch (V. 8.) NLt'v rvrn „er tilgt da den Tod auf ewig, er nimmt, der Herr, der Ewige, die Zähre von jeglichem Angesichte — auf der ganzen Erde!" der Tod des Todes, das Ende jedwedes Schmerzes in der Menschenbrust.... — Und wie begeistert schließen sich unsere Weisen hieran; wenn sie von jenem ton öVi», womit sie auch die Zeit des Mvschia, jener Zukunft, bezeichnen, sprechen, wie stießet ihr Mund da über; da werden alle Menschen aus fteien Stücken Bekenner des Einigen (Q'^'na Qbi3), da werden nicht blos Einzelne, da werden alle Israeliten Propheten sein (Thanch. 65. e.), da werden die Gebote aufgehoben (mbaa ms»), da sie in ihren Heilszwecken überflüssig geworden (Nidd. 61. 2.), von allen Opfern, Gebeten, Bekenntnissen bleibt allein das Opfer des Dankes, das Gebet deS DankeS übrig (Thanch. 55. b.). So ist die Religion Israels nicht bloS die Religion der Vergangenheit, sondern auch die Religion der Zukunft; sie sagt nicht: das Heil ist gekommen! sie stehet die überall wunde Menschheit, und spricht: daS Heil kömmt! sie fiehet, daß eS begonnen, daß eS sich fort und fort weiter spinnet, daß Alles und sie selbst so Bürge ist, daß eS sich vollendet, daß eS kömmt, eS kömmt! Sie bauet auf die Vergangenheit die Zukunft, sie pfleget die Vergangenheit, um die Grundlage zu haben für die Zukunft, sie umfasset die ganze Menschheit und davon alle Zeit, und machet daraus einen festen, in sich verschlungenen Verband. Sie saget darum nicht: „komme zu mir, oder Du bist verloren!" sondern sie spricht: „Nichts ist verloren, denn Du kömmst zu mir, und dann ist das Heil da." So rufet sie immer und immer: beim Leben des Ewigen, der aus Egypten geführt hat! um dereinst sagen zu können: beim Leben deS Ewigen, der aus dem mitternächtlichen Lande und aus allen Ländern geführt hat! Sie ist die Religion der Vergangenheit, weil mit ihr die rechte Entwickelung der Menschheit begonnen, und der Zukunft, weil sie alle Entwickelung der Menschheit schon in sich enthält!- Wenn sie aber also die Religion der Vergangenheit und der Zukunft ist, welche find darum die Forderungen, die sie an uns, die Gegenwärtigen, zu stellen hat? Zuerst und vor Allem: Treue, unerschütterliche Treue, um sie, die wir aus der Vergangenheit empfangen haben, der Zukunft zu überliefern. Und in der That, die Welt macht uns diese Treue schwer, sie fordert große, und immer von Neuem Opfer dafür — bringen wir sie, weil wir dadurch Verdienst beim Ewigen, Verdienst um die Menschheit und deren Zukunft erwerben, der Wahrheit, der Ueberzeugung sie bringen, Lug und Heuchelei zurückweisen: fürwahr, der Israelit, der um seines Bekenntnisses willen Druck und Beschränkung erträgt, ist ein herrlicher Beweis, daß es noch Treue und Ueberzeugung giebt in der Menschenwelt.... Dann aber: wirkliches, wahrhaftiges Leben in der Religion. Denn wenn Ihr ihr abgestorben, wie könntet Ihr lebendig sie überliefern den zukünftigen Geschlechtern; wenn sie für Euch todt ist, wie sollen Eure Kinder für sie leben? Vergesset es nicht, jedes lebende Geschlecht ist das Mittelglied, zwischen Vergangenheit und Zukunft — reißet ein Solches heraus, und es wird unendlich schwer sein, sie wieder aneinanderzuknüpfen. Darum seid Ihr in der That nicht blos für Euch selbst verantwortlich, sondern auch für Eure Kinder und für deren nachfolgende Geschlechter. Man ist nicht umsonst der Enkel von vier Jahrtausenden, man ist nicht umsonst zum Ahn wieder einer langen Zukunft berufen. Wollet Ihr aber Juden sein und bleiben, nun so seied eS ganz, so hinket nicht auf zween Seiten, so lebet in Eurer Religion, nehmet Theil an ihr, feiert ihre Feste, leset ihre