Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 20 (2.5.1853)
- Date
- 1853-05-02
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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242 wie? ist eS nicht so mit dem ganzen Judenthume? Alle seine Institute find uralt; diese Schrift, unser Grundstein, geschrieben, bevor die gerühmtesten Völker des Alterthums nur geworden; diese Kohanim und Levijim, in der Wüste gewählt; jenes Bundeszeichen, mit Abraham eingesetzt; diese Sprache, hier vernommen, die urälteste; dieser Sabbat, diese Feste, welche die Welt nachgeahmt hat, zum Theil schon in Egypten auferleget; und selbst was viel jünger ist an Zuda, dieser Gottesdienst und diese Gebete, zählen ihren Ursprung.nach mindestens zwei Jahrtausenden. Aber wie alle seine Einrichtungen, so sind auch seine Lehren ununterbrochen durch vier Jahrtausende gegangen. Ja, „Nichts davon und Nichts dazu" — und wenu die verschiedensten Zeilen haben irgend einen Niederschlag auf diese Lehren ansetzen wollen, wenn Babel und Paras, wenn Griechenland und Rom, wenn Araber und Scholastiker und Mittelalter ihren Rost auf diese Lehren gebracht bald — bald ist Israel wieder erwacht, und hat den Schild seiner Lehren gereinigt, und hat die Waffe seines Glaubens geschärft, und Magie und Gnostizismus, Zoroaster und Aristoteles und Kabbala schwanden, und Mosche's Lehre leuchtete ungettübt und fleckenlos wieder im Lichte des Tages. Und was sonst noch unsre Religion giebt und spendet, nimmt ste dies nicht aus der großen Rüstkammer ihrer Vergangenheit? Habet Ihr es nicht schon hundertmal erfahren: braucht Ihr irgend ein Wort der Weisheit und des Lebens, von den Lippen ihrer großen Propheten und Weisen fließet es Euch überreich; mit Schlagworten, wie kein Andrer, tritt ste Euch entgegen und überwindet Euch. Oder seid Ihr des Trostes, der Auftichtung bedürftig — wie strömt eS aus ihren Quellen, aus Ereigniffen und Thaten, wie aus Ausspruch und Satzung; keine Rettung, für die ste Euch nicht das Vorbild zeige, keine Sorge, deren Erleichterung, keine Gefahr, deren Beseitigung, kein Schmerz und keine Wunde, deren Heilung und Linderung sie Euch nicht vorführe in einem Beispiel, in einer Verheißung, in einer Tröstung. Oder wollet Ihr angefeuert, belehrt gekräftigt sein zu kühner That, zu mächtigem Streiten, zu großem Vollbringen, zu männlicher Ausdauer: ste führet Dir vor ihre langen Reihen gewaltiger Männer, ihrer Mose und Samuel, ihrer Gideon und David, ihrer ChiSkija und Joschija, ihrer Danijel und Juda Machabbi, ihrer Juda Hanaßi und Akiba und wer zählet fie Alle auf bis zu unsrer Zeit.... Fürwahr, Israel ist vorzugsweise das Volk der Vergangenheit, und seine Religion die Religion der Vergangenheit. Sie ist nicht entbanden aus einer andern, sondern die anderen auS ihr; re hat die religiöse Idee in die Welt gebracht, und allein ganz bewahret; fie hat keinen Vorgänger und keinen Nach- 'olger. Sie ist keine Uebeizeugung, die heute geworden, morgen vergeht, sondern die zuerst erstand und also geblieben. Und darum hat fie, fie allein, die ganze Autorität der Vergangenheit für fich. Wenn Du Dir nicht cinbilden wolltest, daß so viele Menschengeschlechter irre gegangen, nur Du, Du Mensch von so und so vielen Jahren, das Rechte zu finden befähigt seist; wenn Du Dich zu dem Gedanken erhebest, daß daS, woran die Menschheit so lange gearbeitet, woran so viele große Geister, so viele glänzende Talente, so vieler Scharffinn und so reiches Gemüth festgehalten, die Wahrheit sein muß; wenn Du anerkennest, daß es die Aufgabe jedes lebenden Geschlechts ist, nicht ein Neues, Niedagewesenes zu schaffen — das ist ein Wahn, an dem eS stets zu Grunde geht — sondern das große Ueberlieferte fortzuentwickeln, es zu bereichern, zu läutern, zu erwettern, geltender zu machen — dann, fürwahr, mußt Du Dich in den Schatten des Judenthums begeben, denn dieses allein vereinigt all jene Herrschaft und jenes Verdienst in fich: die Autorität der menschengeschlechtlichen Vergangenheit gehöret allein der Religion Israels ganz, weil fie vorzugsweise die Religion der Vergangenheit ist.... Und dennoch fühlen wir Alle, daß eS weder also um uns bleiben könne, wie es ist, noch daß es mit der Religion Israels bleiben könne, wie es namentlich jetzt ist. Unsere Urväter waren in Egypten Sklaven, und wußten es nicht anders, aber als Mosche und Aharon die ersten Gedanken der Freiheit in ihnen weckten, da kam diese ihnen auch. Unsere Väter waren in allen Landen Sklaven, und wußten es nicht anders; nachdem aber einmal in uns das Bewußtsein des Rechts, das dem Menschen gebühret, geweckt worden, können wir nicht in dieser zwitterhaften Stellung bleiben, darin die besten und erhebendsten Triebe in uns erdrückt werden und zwar um des Heiligsten willen. Und auch unsre Religion. Wenn es wahr ist, daß fie in ihrem Schooße die ganze, unverletzte religiöse Idee trägt, um fie ganz und unverletzt der Menschheit zu wahren — dann darf fie nicht ewig die geschmähete und hintenangesetzte sein, verfolgt kann fie werden, aber nicht verachtet, bekämpft, aber nicht unterdrückt; dann darf fie auch nicht ewig im Bettlergewande einherziehen, in geschmackloser und entstellender Hülle, wie fie bis jetzt erschien; dann darf fie nicht in dieser zweideuttgen Gestalt