Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 19 (2.5.1853)
- Date
- 1853-05-02
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Ziel erreicht hat. Der Glaube erwärmt, er lüftet die! Schwingen des Geistes, er erhebet über die Wirklichkeit, 1 und von seiner Höhe herab bemeistert er sich des Jrdi- < schon um desto sichrer. Fürwahr, wer irgend auf Erden I eine große That gcthan, durch den Glauben vollbracht er's; er glaubte an sich, er glaubte an das Gelingen seines Vorhabens, er glaubte an die Größe des Zieles, er glaubte, daß er dazu bestimmt sei durch Gott, daß ihn dahin lenke die göttliche Vorsehung, und in diesem Glauben vermochte er Felsen zu versetzen, Höhen abzutragen und Niederungen aufzuthürmen, mit einem Worte: die Verhältnisse der Welt umzuwandeln, und sich auf ihre Spitze zu stellen. Ein kleiner Zweifel in ihm — und niemals wär' es gelungen. — Und darum sagt der Midrasch sicher recht zuzwert: „nur um des Glaubens willen erwarb Abraham das diesseitige und jenseitige Leben" — vom Glauben erfüllt, verließ er Vaterland und Sippschaft, der Glaube, sein Glaube an einen einzigen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, stählte ihn, den bescheidnen, friedfertigen, der ganzen heidnischen Welt den Fehdehandschuh hinzuwerfen, und in der ftemden Ferne standhaft eine Familie, dem Herrn geweiht, zu gründen; sein Glaube machte ihn zum Segen der Menschheit, zum Ruhme und Verdienst seiner Nachkommen bis heute, sein Glaube sicherte ihm die Unsterblichkeit auch auf Erden über alle Jahrtausende hin. — Und mit nicht minderm Rechte sagt darum der Midrasch zudritt: „nur um des Glaubens willen wurde und wird Israel erlöset." Nehmet den Glauben an Gott, an dessen Lehre, an Israels Vestimmung und Aufgabe, nehmet diesen viertausendjährigen Glauben aus Israel — und längst wär' es nicht mehr, und wir, die wir hier stehen, wären niemals geworden! Warum zogen denn die Israeliten aus Babel wieder, wenn nicht um des Glaubens willen? wodurch besiegten die Makkabäer Antiochus den Syrer? durch den Glauben. Wodurch blieben die Juden Sieger über die Römer, im Augenblicke selbst, da sie tief vor ihnen in den Staub sanken? weil sie voll Glaubens waren. Und die Kämpfe des Mittelalters, und die Zersetzungen und Perlockungen der Neuzeit, den Juden, der Glauben ha^, fochten und fechten sie nicht an. Ja, immer erhob Israel wieder das Panier des Glaubens, und da öffnete sich die Pforte der Erlösung, immer schaarte es sich um den Glauben, und da hatte der Ewige fein Auge darauf gerichtet, und wahrete die Glaubenden.... In der Thal, m. Fr., die Nothwendigkeit des Glaubens erweiset sich aus dem ganzen Wesen des Menschen, denn dieses ist aufgebaut auf Glauben, und kann gar nicht bestehen ohne Glauben. WaS auch die Gegner sagen, der Mensch muß glauben, er wird ohne dies gar nicht fertig. Denn wenn „Glauben" ist, für wahr annehmen, auch was ich nicht durch meine eigenen Sinne wahrnehme, und was ich nicht durch meine eigenen Schlüffe mir erweisen kann: so mußt Du entweder gänzlich leugnen was irgend einmal irgendwo geschehen ist, wo Du nicht zugegen warst, was irgendwo geschieht, wo Du nicht zugegen bist, oder glauben; so mußt Du alle Wissenschaft leugnen, die Dir von Anderen überliefert wird. Alles, was Du nicht selbst geprüft und mit Deinen eigenen Sinnen befunden hast, oder glauben. Man erzählt Dir Etwas, Du mußt glauben; Du thust Etwas, Du mußt glauben und voraussetzen, daß es eine solche und solche Wirkung haben wird — wahrlich! Glauben ist das Athmen des Menschengeistes, ohne das er keine Sekunde eristircn kann. Du kannst gar nicht nicht glauben. Und wie? selbst wo Du prüfst, wo Du selbst untersuchest, mußt Du da nicht Dir selbst glauben? Wer sagt Dir. daß Du recht fiehest? wer sagt Dir, daß Du recht folgerst? mußt Du da nicht an Deine Sinne, an Deine Schlußkraft glauben? Kannst Du -ohne diesen Glauben zu irgend einem Resultat kommen? Nein, die Natur des Menschen ist — glauben! Und warum? weil er eben niemals zur Wirklichkeit vollständiger Erkenntniß kommen soll, weil das ganze Gewebe seiner Wahrnehmungen, Vorstellungen, Urtheile, Schlüsse — nur eine Kette von Annahmen, Voraussetzungen, Glauben find. Darum kann der Mensch ohne Glauben nicht leben, ohne Glauben Nichts erreichen, ohne Glauben sich nicht begeistern, ohne Glauben nicht diesseitiges und nicht jenseitiges Leben erwerben, ohne Glauben nicht erlöset werden!... Aber wenn der Mensch des Glaubens gar nicht entbehren kann, wenn sein ganzes geistiges Wesen auf Glauben beruht — ist dieses darum allein Glauben? Sicher nicht. Sollen wir nur, sollen wir Alles glauben? Auch daS vermögen wir gar nicht; denn wer nicht blöden Geistes ist, dem ist die Frage: ist das auch wahr? natürlich, dem ersteht sie bei Allem, waö er hört, waS ihm begegnet. Wie der menschliche Geist auf Glauben konstruirt ist, so ist auch der Verstand, die Vernunft, die Erkenntnißkraft, so ist auch das Gefühl, das Her; ein natürlicher Inhalt dieses Geistes, und dieser Verstand unv dieses Herz find in jedem Menschen vorhanden und thätig, wenn auch in sehr verschiedenem Maße; diese legen