Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 18 (25.4.1853)
- Date
- 1853-04-25
- Page
- Seite 222 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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222 S. a. Ujhely, Oberungarn, im Februar. (Privalmitrh.) Es find schon einige Monate verflossen, daß ich Deutschland verlassen, um die durch die Güte Ew. Hochwürden mir gewordene Lehrerstelle an der israelitischen Unterrealschule in Oberungarn anzutreten. Die große Strecke von mehreren hundert Meilen wurde gleichsam von mir durchflogen, denn am 24. Oktober v. I. war ich noch in Deutschland und 5 Tage später war ich schon in meiner neuen Heimath. Bon Pesth aus vernahm ich immer weniger die deutsche Sprache und mein Ohr mußte fich immer mehr und mehr an die Sprache der Magyaren gewöhnen. Großes Vergnügen gewährte es mir, als sich ein Slave jüdischer Religion zu mir gesellte und fich im jüdisch-deutschen Dialekte unterhielt; derselbe schien mit den deutschen Verhältnissen ziemlich vertraut zu sein. Bald kamen noch einige jüdische Kaufleute aus jener Gegend zu uns, erzählten wie gern sie die Allg. Zeitung deS JudenthumS lesen und erkundigten sich nach dem Befinden Ew. Hochwürden. Wir fuhren der TheiS entlang, vor uns lag Tokay, ein unansehnliches Städtchen, jedoch Jedermann bekannt von dem in hiesiger Gegend wachsenden edeln tokayer Weine. Das Hegyalla-Gebirge, ein Ast der Karpathen, produzirt diesen weltberühmten Wein. Diese Gebirge find so malerisch, daß der Reisende begünstigt durch einen schönen Tag den Wagen verlassen muß, um dieses von einer üppigen Flora umgebene Gebirge zu besteigen. Einigemal mußte ich den Wagen verlassen, denn manche seltene Pflanze erblickte ich am Fuße dieser Berge, hin und wieder bemerkten wir auch aus der Landstraße Pflastersteine, worin fich die ausgezeichnetsten Bergkrystalle befanden, und ein herbeikommender Magyare lieh mir seinen eisernen Stab, der mir als mineralogischer Hammer diente. In Tokay verweilte ich einen Tag, man erzählte mir, daß in Oberungarn fast nur jüdische Wirthhäuser sich vorfinden, auch wurde mir bald ein jüdischer Fuhrmann bestellt und so fuhr ich meinem neuen Bestimmungsort zu. Seit einigen Monaten bin ich ununterbrochen thätig und da ich Gelegenheit habe mit vielen Israeliten in Berührung zu kommen, so kann eS mir nicht schwer sein, hin und wieder Eigenthümliches dieser Gegend zu beobachten. In Oberungarn findet man große jüdische Gemeinden oft an 1000 Seelen, welche meistens von Polen abstammen, hin und wieder findet man jedoch auch Familien, welche aus Mähren eingewandert find. Die jüdischen Bewohner verrathen ein klugeS Aeußere, find meistens Handwerker, Kaufleute oder Landwirthe. Ich höre, daß viele Kupferschmiede, Tischler, Schuster und Schneider, jüdischer Religion, in hiesiger Gegend leben, welche mit Eifer und Fleiß ihr Gewerbe betreiben und allgemein geachtet und geschätzt sind. Man findet in Oberungarn tüchtige jüdische Landwirthe, die Meisten haben Weingärten, Andere sind Pächter, wieder Andere große Gutsbesitzer. Mil großer Umsicht verwalten dieselben die Güter; meistens ist mit der Oekonomie eine Branntweinbrennerei verbunden. Jüdische Fuhrleute habe ich schon mehrere gesprochen; die Leute sind zwar wohlhabend, müssen jedoch fich sehr quälen, denn durch den fetten Erdboden find die Wege sehr schwer zu befahren und eS ist kaum möglich mit dem Wagen durch den Morast zu kommen. Die christlichen Bewohner haben eine große Vorliebe zu den jüdischen Aerzten; in vielen wenig stark bevölkerten Städten findet man unter 5 Aerzten 4 jüdische. Ich habe gebildete vr. meä. kennen gelernt; die Meisten haben ihre Studien in Pesth und Wien gemacht. Jüdische Advokaten, hier zu Lande Fiskalen genannt, findet man in Oberungarn nicht, jedoch werden in der Neuzeit hin und wieder junge Israeliten als Repofitare bei den Untergerichten beschäftigt. In sozialer Beziehung haben unsere Glaubensbrüder hier zu Lande gegenwärtig ein besseres LooS als früher. In Kasch au wurde ihnen früher nicht einmal die Nachtherberge gestattet, jetzt leben sie friedfertig in großer Zahl mit den Christen zusammen; unter ihnen befindet fich ein jüdischer Lederfabrikaul welcher bedeutende Geschäfte macht. Ueberhaupt scheint man in Ungarn human zu sein, und im Gemeindeausschusse sowol als im Stadlrache mancher Städte Oberungarns findet man Israeliten, welche allgemein die Achtung ihrer Mitbürger genießen. DaS Hegyalla-Gebirge winkt mir freundlich zu, die Gegengift so malerisch, und in naturwissenschaftlicher Beziehung so interessant, daß ich hoffe, bald meinen zweiten Brief senden zu können. J. U.