Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 17 (18.4.1853)
- Date
- 1853-04-18
- Page
- Seite 212 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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212 golah das Wort, ohne Bedenken, ohne Besinnen, sein erste- und mein letztes Wort waren eins." „Und was sagte er?" „Sie hätten Alles bedacht, was ich gesagt, denn es wäre ja nichts Neues. Wohl wünschten fie die Zustände in Ieruschalajim anders, aber fie vermöchten nichts zu ändern. Das Ferne müßte vor dem Nahen weichen, und fie hätten genug mit diesem zu thun. Daß das Wort deS Propheten nicht in Erfüllung gegangen, daß Zijon eine verfallene Hütte geblieben, erwiese, der Herr wolle es nicht anders, und so müsse man harren, was er daraus machen werde. Sie wären berufen, für das Wohl der Weggeführten zu sorgen, und das würde sehr leiden, wenn die Bemittelteren und Kräftigen von dannen zögen, und nur die Armen und Greise zurückblieben. Dann würden die Gemeinden Babel's, Paras', Madai's und Ascbur's veröden, und das dürften sie nicht dulden. Sie würden also den Zug nicht allein nicht fördern, sondern geradezu verhindern. Dem Ehrgeize Einzelner dürfe das Wohl deS Ganzen nicht geopfert werden. Wüßten fie doch nicht einmal, ob der König es billigen würde. DaS Beispiel Koresch' und Darjawesch' hätte erwiesen, daß die Könige Ieruschalajim niemals günstig blieben. . . ." „Ha! . . „Ich blieb ihnen die Antwort nicht schuldig. Ich warf ihnen in's Angesicht: wenn der Ehrgeiz Einzelner einen Zug nach Ieruschalajim fordre, so sei es ihre Herrschsucht, die ihn nicht wolle, weil sie von der Heerde, die fie weideten, und deren Fett und Wolle sie sich aneigneten, keinen verlieren wollten. Jetzt, nachdem sie es waren, oder ihre Vorgänger vor neunzig Jahren, welche dem Worte des Propheten ungehorsam waren und nicht aus Babel zogen, entschuldigten sie sich mit demselben unerfüllten Worte deS Propheten, um abermals ungehorsam zu sein. Für die Armen brauchten sie nicht so zärtlich besorgt zu sein, da sie, die Reichen, doch jedenfalls zurückblieben. Uebrigens hätte ich es von ihnen gar nicht anders ermattet, denn der Prophet des Ewigen sprach schon: „Wehe, Hirten Jsrael's, die sich selbst weideten! Sollten nicht die Heerde weiden die Hirten?"*) Leset weiter, und Ihr werdet erfahren, was Euch ermattet! Denn das wäre das Unglück des zerstreuten Jsrael's, daß Jeder sich anstelle, für den kleinen Theil besorgt zu sein, um sich so nachdrücklich dem Allgemeinen entziehen und den kleinen Theil beherrschen zu können. . ." *) Jecheskel 34, 2. „Und ihre Antwort?" „Sie wären nicht versammelt, und hätten mich nicht zugelaffen, um Schmähungen zu empfangen; im Uebrigen wüßten sie sich schon Recht zu verschaffen, und ich sei entlassen. . . ." Beide Brüder schwiegen lange. Aber während Schcmajah immer düstrer und trauriger wurde, während die Gluth von seinem Antlitz schwand und dem Ausdruck der tiefsten Betrübniß wich- „Ach!" sprach er, „Esra, wir müssen den schönen Plan aufgeben . . . So hat sich der König durch Deine Amtsentsetzung, so hat sich Juda selbst durch seine Häuptlinge dagegen ausgesprochen — Wahnsinn wäre eS, noch länger daran zu denken. Ja, es wühlt in meinem Innersten, wenn ich bedenke, wie Israel sich selbst aufgiebt — aber . . . wir sind am Ende schwache Staubzeborne . . . Hanen wir in der That, was der Ewige, der Gott, den unsere Väter angcbetct, thun will, Hanen wir. bis er den Geist erweckt, den rechten Geist. . . . Bleiben wir, bis er uns von dannen treibt, wie einst in Mizrajim." Da trat Esra zu Schcmajah, und berühtte den Jnsichvttsunkenen mit der Rechten. Er wandte sich um, und blickte zerstreut auf Esra. Wie war dessen Gestalt erhoben, wie dessen Antlitz erhöhet — welche Tiefe in den großen, gerundeten Augen, keine Blitze, aber ein Feuer in unendlicher Fülle und Gewalt — wie leuchtete die hohe Stirn, wie wallten die Locken, wie schwollen die Lippen. Mit der ausgestreckkcn Rechten berührte er die Schulter Schcmajah's, sein Mund that sich auf und er sprach: „Nein! Schcmajah, nicht ist es vorbei, erst jetzt nicht ... nicht harren wir, denn geweckt ward der Geist, der Ewige der Heerscharen, der Heilige Jsrael's ist sein Name, rufet, wer will sich ihm entziehen? ... Er sprichr, nicht durch Könige und Fürsten wird Zijon gebaut, nicht durch Heeresmachr und Helten mein Hciligthum gegründet, sondern durch den Schwachen und Ohnmächtigen, aber den mein Geist gewecket ... Ziehet aus, ziehet auS, o wie wird Einer Tausende jagen, zehn Myriaden vertreiben! Hattet nichr, säumet nicht, denn die Quelle wird zum Bache, und der Bach zum Strom, zum reißenden Sttome, der vernichtet, wer sich widersetzel, aber die Flur befrrtchtet und den Weinberg befruchtet. Ihr wollet meine Hände durchbrechen, Ihr meine Nachtherberge zerstören? Aber der Verhcerer wird verheert und der Plünderer geplündert. Bauet, bauet, denn wer nicht bauet, zerfällt. Der Ewige der Heerscharen hat es ge- | sprachen. . . ."