Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 17 (18.4.1853)
- Date
- 1853-04-18
- Page
- Seite 211 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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211 Ieruschalajim? erfüllst Du eineS Deiner prahlerischen Worte? waS thust Du? ... niedriger Kunstgriff, einen blinden Mann und ein einfaches Mädchen zu bethören ... ich habe Deine Schritte und Dein Flüstern gestern wohl gehört, als Du die Magd überreden wolltest, meine Tochter zu rufen . .. spare Deine Mühe, dieses Schreiben ist das Letzte, was Deine Augen sehen sollen von unS — o hält' ich Deine Stimme nie gehört!_" Wer hat den Brief geschrieben? Wer dieses Gift in die Seele des sonst so arglosen Blinden geträufelt? . .. Wie, sollte da eine dritte Hand sich eingemischt haben? Etwa dieselbe, die ihn beim höchsten Rache heimtückisch denunzirt hatte? ... woher ist sie so mächtig, daß sie ihn, Esra, aus den Aemtern und Ehren des Königs, daß sie ihn aus dem Herzen seiner Geliebresten zu stoßen vermochte? ... und Naarah? theilt sie den schmählichen Verdacht ihres Vaters, oder gehorcht sie nur dem Befehle desselben? Er hatte dreimal an sie geschrieben — warum hat sie ihm nicht geantwortet? waren die Briefe nicht an sie gelangt? oder schwieg sie, weil ihr Vater es gebot? Und liebte er sie nicht um so heftiger? rieb sich sein Herz nicht immer wunder an dem Gedanken an sie, je mehr es ihn schmerzte? ... Diese Gedanken, diese Gefühle wälzten sich durch seinen Geist immer fort, er fühlte sich sehr, sehr gedrückt. Er sah sich hcruntergestürzt von seiner Höhe in einen tiefen Abgrund, und wodurch? ... „Ha!" sprach er zu sich selbst, „seid Ihr so tief gesunken, Heiligthümer Juda's, daß schon der Gedanke an Euch als Verrath gilt bei Fremden und Brüdern? ..." Als Esra so die Halle auf und ab schritt, trat Schemajah in den Hof, und eilte auf ihn zu. Welch' erhitztes Antlitz, welche flammenden Augen, welche geballten Fäuste! So beladen das Herz Esra's war, schrak er dennoch bei dem Anblick seines Bruders auf. „Um des heiligen Jsracl's willen! Bruder, was ist geschehen?..." rief er ihm entgegen. Schemajah konnte schwer Worte finden. Unverständliches stieß sein Mund auS, abgebrochene Ausrufe: „Es ist Alles vorbei ... es ist dahin ... Alles ist verloren ... o die Bastarde einer Nation ... die schamlosen Derräther deS Heiligsten ... wir müssen es aufgeben ... Nichts mehr davnn ... doch eS wird sich rächen, rächen, rächen, daß Himmel und Erde davon zu erzählen wissen werden._" „WaS hast Du, Schemajah? Was hat sich begeben?..." frug Esra hastig. „Bleibe nur in Deinen Trümmern, heiliges Zijon, in Deinem Verfall, Tempel des Höchsten! Diejenigen stürzen Dich, die Deine Stützen, Diejenigen verrathen Dick, die Deine Herolde sein sollten. . . „Erkläre mir, Schemajah, komm zu Dir.. . Dieser schwieg noch einige Augenblicke, um sich zu fassen, dann sprach er: „Esra, ich wollte der Ungewißheit ein Ende machen. Ohne Dich zu kompromittiren, allein auf meine Hand, bin ich den Rvsch Hagolah (das Haupt der Weggeführten) und die Seganim (Vorsteher) angegangen, habe sie sich zu versammeln veranlaßt, zu entscheiden, welche Mittel sie anwcnden wollen, um einen neuen, großen Zug nach der heiligen Stadt zu veranstalten, einen Zug, der endlich den Bestand des HeiligthumeS, des Volkes sichre. O, Esra, was Hab' ich da gefunden..." „Fahre fort, mein Bruder. .." „Sic waren versammelt, mit all dem eiteln Prunk, den sie sich beigelegt, mit all den Nichtigkeiten von Amtstrachrcn und Schmuck, mit all dem Troß von Schreibern und Bolen und Dienern — sie, die im Staube fitzen, mit Sack bekleidet, mit Asche bestreut sein sollten.... Sie waren versammelt, und ich mußte im Borsaale warten — lange ließen sie mich harren, als ob sie in Vorberathung versunken wären ... da rissen zwei Diener die Thüren auf, zwei Diener die Vorhänge zurück, zwei Diener winkren mir, und führten mich vor die Schranke. Ich sah sie lange an, sie luden mich nicht einmal zum Sitzen ein, mich, den Sohn Scrajah's, des Priesters — schon wollte ich ihnen den Rücken zuwcnden: allein ich gedachte, was ich der heiligen Sache schuldig wäre . . . ich gedachte auch, daß dies eine gerechte Heimsuchung wäre, dafür, daß unser Vater — Gott gebe Frieden ihm! — Ieruschalajim verschmähet hat ... doch was soll ich Dir alle ihre lächerlichen Formalitäten berichten, sie forderten mich zum Sprechen auf, und ich sprach .. . Esra, Du kennst mich... ihre langen, widerwilligen Gesichter, die mir ihre Abneigung gegen das, was ich vortrug, verriethen, ihre niedergeschlagenen Augen, ihre hängenden Lippen, gerade weil sie mir die Hoffnung auf Gelingen sofort niederdrückten, begeisterten mich, daß ich in immer steigender Kraft die Majestät des Vorhabens mit der Ironie ihres Gebahrens verschmolz und einen bitteren Hohn ihnen in's Angesicht schleuderte...." „Irrtest Du Dich auch nicht, Schemajah? ..." „Nein, Esra, Du wirst es gleich vernehmen. Sie hörten mich an, obgleich ihre Füße ungeduldig scharrten. Kaum aber halt' ich vollendet, da ergriff der Rosch Ha-