Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 15 (4.4.1853)
- Date
- 1853-04-04
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
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178 find ihm veraltet, Hirngespinnste u. dgl.; nur was durch daS Mikroskop — die Zelle — oder durch daS Teleskop — ein neuer Weltkörper — gesehen wird, hat Werth; interesfirt doch selbst der Mensch nur noch als ein Naturgegenstand, und steht so dicht neben einem Käfer, einem Krystall, einer Petrefakte?... Der andere Theil will überhaupt jede Vorstellung, jede Ansicht, jede Uebcrzcugung verwerfen, die nicht auf eine bestimmte Anschauung in der Natur sich stützt; ein Reich außer der wahrnehmbaren, unter daS Skalpell oder Mikroskop oder in die Retorte zu bringenden Natur, eine Welt außer dieser sinnlichen giebt es ihm nicht ... was Wunder! daß da ein Materialismus herauskommt, der in der That noch viel gröber ist, als der alle heidnische, weil Letzterer sich doch nur aus Begriffen aufbaute, auS Mangel an Kenntniß des Materials. Hier ist in der That die Wirksamkeit der Naturwissenschaft gerade in der Masse eine traurige, verwüstende, denn eben in der rohen Masse bleibt die nähere Anschauung der Natur rein materialistisch und verdrängt so Religion und Sittlichkeit, sie hält bald mit dem, was sie gesehen, alles Dasein zu Ende, und der ihr erklärte Mechanismus erklärt ihr Alles. Es versteht sich von selbst, daß die Masse hierbei nicht im Geringsten mehr aus der Abhängigkeit von Führern und Lehrern herauSkömmt, als sie es früher gewesen, sie muß diesen ebenso sehr auf ihr Wort glauben, wie sie es auf anderen Gebieten gethan, sie hat nur diese Führer und Lehrer gewechselt. Und doch muß Jeder zugeben, daß gerade in der Naturwiffenschast die Ansichten sehr schnell wechseln und sich korrigiren, und daß oft in einem Zeiträume von fünf Jahren schon die bedeutendsten Leistungen veraltet find. Wie viel oder wie wenig ein solcher Lehrer der Masse verschweigt, auf welche Weise er die Fakta gruppirt, das hat den wesentlichsten Einfluß auf die Folgerung, die der Masse so leicht zu eskamotircn ist. Aus allen diesen Erscheinungen wird cs nun leicht einleuchten, daß bereits aus diesem Drang nach Popularisirung der Naturwissenschaft eine ziemliche Reaktion hervorzugehen beginnt, daß man von gewissem Standpunkte auS die Naturwissenschaft verdammt, und das Laboratorium alS „moderne Hexenküche" bezeichnet, daß man sie wieder aus der Volksschule, ja aus dem Jugendunterricht verdrängen will und wird.... Grund genug, um vom Standpunkte des JudenthumS aus die Sache etwas näher zu betrachten. In der That, wenn Naturwissenschaft identisch wäre mit Materialismus, wenn die Naturwissenschaft nur und allein den Begriff des Pantheismus zuließe, wenn also das moderne Hcidenthum unausbleibliches Resultat der Kenntniß und Forschung in der Natur wäre — so hätte die Bekämpfung der Naturwissenschaft volle Berechtigung, so müßte auch das Judenthum, diese Mutter der religiösen Idee, sie bekämpfen, und in ihr eine Feindin auf Tod und Leben erblicken. So ist es aber in der That nicht. Derselbe Kampf zwischen Materialismus und Spiritualismus, der von Beginn an auf dem Gebiete der Philosophie stattfand, und in welchem der Spiritualismus stets so lange die Oberhand hatte, als die Völker in ihrem Vigor, in Kraft und Gedeihen standen, immer aber der Materialismus seinen Verhcerungszug begann, wenn die Völker abzustcrben und zu verdorren anfingen — dieser selbe Kampf findet auf dem Gebiete der Naturwissenschaft statt, und ist durch sie noch nicht um ein Haar breit anders entschieden, als er es von jeher in der Philosophie war — Argument wird gegen Argument aufgeführt . .. und. daß wir es nur sagen, wenn dies nicht mehr ausrcicht, greifen die Leute gelegentlich zum — Schimpfen.... Hierbei läßt sich aber das Eine nicht übersehen, daß gerade die wahren Heroen der Naturwissenschaft, die echten und wahrhaft wissenschaftlichen Naturforscher auf Seiten des Spiritualismus, also auf Seiten der religiösen Idee stehen — wie wir im vor. Jahrg. erst mit Mehrernr erwiesen haben, und daß es zumeist die Popularistrer der Naturkunde, die Halbforscher und Lärmmachcr find, welche den Materialismus predigen. In der That, wer aufrichtig und vorurtheilslos, namentlich den physiologischen Entdeckungen nachgeht, der wird zugestehen, daß auch die tiefst eingehenden Beobachtungen den Forscher an eine Grenze führen, wo Geist und Stoff sich trennen, wo das ursaci'- liche Moment nicht mehr nachweisbar ist, wo der Beobachter dem Denker Platz machen muß. Alle Entdeckungen, die gemacht werden, führen einen Schriu dieser Grenzlinie, diesem bestimmten Schcidepunktc näher, stellen diesen schärfer, in genaueren Umrissen dar — aber die Frage lösen sie nicht. In der Regel ist der Verlaus so: irgend eine Entdeckung führt einen Schritt in der physiologischen Kenntniß weiter, diese Entdeckung ist materiellen Inhalts, und hat nun den Anstrich, auf sehr klare Weise Alles zu erklären, was wir erklärt wünschen; dcr Oberflächliche ist nun fertig, der Materialismus siegt. Da wird nun die Sache näher geprüft — und siche da' die tiefere Erzründung bringt — das pure Gegenthcil zu Tage. Wie Diele z. B. wollten die ganze geistige,