Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 12 (14.3.1853)
- Date
- 1853-03-14
- Page
- Seite 149 (sequence 9)
- Language
- German
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14S mag eS Vielen sehr erfreulich sein, daß der Herr Minister des Innern so aufmerksam auf „die Stimme des Volkes" hört. Streiten läßt 'sich übrigens über die Sache nicht, da das Resultat dasselbe bleibt — wir Juden bleiben in Preußen ausgeschlossen. Posen, 5. Marz. (Voss. Ztg.) Verschiedene Zeitungen melden, daß die Bevölkerung der Stadt Posen durch Auswanderung und Cholera von 42,000 Einwohnern auf 39,000 herabgesunken sei und daß namentlich die jüdische Bevölkerung 2000 Einwohner weniger zahle, als bei der letzten Volkszählung. Diese Angaben sind übertrieben und steht eine Berichtigung Seitens der Behörde zu erwarten. Daß die Auswanderung der jüdischen Einwohner in der Stadt und Provinz Posen nicht unbedeutend, ist eine bekannte Thatsache und das Kapital, welches die Auswanderer mit nach Amerika hinübernehmen, jedenfalls ansehnlicher als die Summe der Unterstützungen, welche aus jenem Erdtheile an die in der Provinz zurückgebliebenen Angehörigen zurückfließen. Eben deshalb dürfte dieser Umstand auch die Berücksichtigung der Behörden wol verdienen; namentlich möge man nicht die Dienste vergessen, welche die jüdische Bevölkerung im Jahre 1848 der Regierung geleistet hat. Dieselbe hat sich von jeher durch aufrichtige Anhänglichkeit an die preußische Regierung hervorgelhan, und wenn in neuerer Zeit einzelne Mitglieder der Judenschaft sich der demokratischen Richtung besonders angeschlossen haben, so sollte man dies nicht der Gesammtheit zum Vorwurf machen, sondern die Umstände erwägen, die dazu Veranlassung gegeben haben. Es ist nicht selten von Personen der Provinz Posen, von denen man dergleichen am Wenigsten hätte erwarten sollen, in eben so unpolitischer als unduldsamer Weise gegen die Juden ausgetreten worden; man hat sogar die Zahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen in den vom Staate unterhaltenen höheren deutschen Schulanstalten, dem k. Friedrich-Wilhelms-Gymnasium und der k. Louisenschule in Posen, aus ein gewisses Maximum beschränkt und alle übrigen, dies Marimum überschreitenden Kinder demnach von der Möglichkeit, eine höhere Schulbildung zu erlangen, ausgeschlossen. Man hat ein solches Verfahren mit der Christlichkeit und mit der Sorge für die christlichen Staatsinteressen beschönigen wollen. — Wo solche Ausschreitungen möglich sind und Billigung finden, da ist es den wohlhabenden Juden wol kaum zu verdenken, wenn sieden demokratischen Einrichtungen Amerika's den Vorzug geben und eine Provinz verlassen, wo sie für ihre Anhänglichkeit an die Regierung nur die Feindschaft ihrer Mitbürger von anderer Nationalität ernten und in Hinblick auf die Gegewart und Zukunft sich deS Gefühls der Unsicherheit nicht erwehren können. Oesterreichischer Kaiserstaat. Brünn, Mitte Februar. (Privatmitth.) Alles hat seine Zeit, sagt der Prediger. Auch Tadeln und Loben hat jedes seine Zeit. ES ist wol wahr, wie Ihr Korrespondent in No. 6 bemerkt, daß die hiesige Gemeinde in der Ausführung der Gemeindeinftirute langsam, ja ich will sogar sagen sehr langsam, langsamer als alle übrigen Gemeinden ist. Aber es hatte auch keine in Mähren, ja in ganz Oesterreich, so viele Hindernisse zu bekämpfen. War ja in Brünn in Beziehung auf Gemeindewesen gänzlich tabula rasa! War es ja nie als Gemeinde anerkannt und war ja den hier wohnenden Israeliten weder eigenes Gotteshaus, noch Friedhof rc. zu haben gestattet! Sind ja sogar die früheren Rabbinen nicht als Solche, sondern bloS als Fleischbeschauer und L72 von der Behörde betrachtet worden! (Wie dies die Matrikelführung durch die Polizei und nicht vom Rabbiner deutlich beweiset.) Wenn schon vor ungefähr einem Jahre vom hohen Ministerium die Erlaubniß zur Errichtung aller nölhigen Kultusinstitute herablangte; so ist eS leicht denklich, daß man solche Institute ebenso wenig wie Pompejus Legionen, aus der Erde stampfen kann. Als das Allererste und Allernothwendigste erschien nun den hiesigen israelitischen Einwohnern die Anschaffung eines eigenen Gottesackers; denn daS war wirklich am Allerschmählichften, daß bei vorgekommenen Sterbesällen die Leichen nach den verschiedensten Richtungen in die 2—3 Meilen entfernten Gemeinden geführt werden mußte; daß man nicht nur kein ordentliches Leichenbegangniß veranstalten konnte, sondern nicht einmal ein Plätzchen hatte, um das rer» nnoa und n^nn tis— sagen, und so dem Wanderer auf seine letzte Reise den Segen mitgeben zu können. Auf freiem Felde, außerhalb den Linien, mußte man sich niederftellen und von dem nachlaufenden Vorstadl- 12 *