Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-02-21 · Heft 9 (21.2.1853) · p. Seite 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 9 (21.2.1853)
Date
1853-02-21
Page
Seite 104 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225832--12953-3299216
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

104 berS auS doppelten Gründen an. Denn erstens halten wir noch heute, wiederum als ein Ariom unserer Geschichte fest: nicht wir find gegen die Welt, sondern die Welt gegen unS feindlich, und die 18 Jahrhunderte, die seildem verflossen — und waS für welche! — geben nur Beweise hierfür. Zweitens zeigen fie darauf hin: waS wir find, nicht wir selbst, die Welt hat es aus uns gemacht. Wir waren ein ackerbauendes Volk, das Waffen, Künste und Handel weder kannte, noch trieb — jetzt find wir vorzugsweise handeltreibend. Als unsere Väter durch daS römische Reich zerstreut wurden, aber das römische Bürgerrecht erhielten, waren fie es nicht. Sie wurden es erst, als ihnen die Welt den Besitz von Grundstücken, also den Ackerbau, den Betrieb von Handwerken, ja endlich auch den Betrieb des Handels versagte — von öffentlichen Aemtern gar nicht zu sprechen — und nur und nichts weiter als den Geldhandel und den Trödel ließ. Der Geschichtskundige weiß dies hinlänglich. Was will man nun? Daß die Juden in der neuern Zeit — eine Zeit, die in so vielen Staaten eine noch sehr junge ist — da alle industriellen Betreibungen den Juden geöfjnet wurden, alle Arten von Handel und Fabriketabliffements ergriffen, daß fie auch, wenn auch noch in einem Bruchtheite, zu Handwerken griffen, aber diese auch vorzugsweise von kommerzieller Seite betreiben; daß die Juden also ganz besonders noch dem Handel obliegen — will man ihnen dies zum Vorwurfe machen? In l'as voulu, Leorges vsnüin — und im Grunde hat dies nicht bloS die Welt gewollt, sondern will es noch, und fieht scheel genug darauf, wenn der Jude ein Anderes will. In unsrer Zeit, wo Alles den Kaufmann anthut, soll ihn der Jude ausziehen, nachdem die Welt ihn Jahrtausende dahineingezwängt? Giebt es nicht gewisse Stände in der Gesellschaft, in denen, auch ohne egyprisches Kastengesetz, der Sohn dem Vater folgt, weil die ganze Lage es so mit fich bringt? Wie viele Städter werden denn Bauern? Nun endlich kommen wir an's Ziel. Die Herrschaft der Welt gehört — namentlich in unsrer Zeit — Niemandem allein. Nicht der Krieger allein beherrscht die Welt, denn er kann weder des Geldes, noch der Wissenschaft entbehren; nicht die Wissenschaft beherrscht die Welt, so sehr fie fich auch schon mit der PrariS verschwistert hat, denn bei der ersten, besten Komplikation steht die Wissenschaft verth eidigungSlos; aber auch nicht der Handel, und selbst nicht daS Geld beherrscht die Welt, denn den geringsten wahren Sturm beschwört alle- Geld der Welt nickt, sondern die Energie und die Waffe. Nicht die Stadt be< herrscht das Land, aber auch daS Land nicht die Stadt. Die Zeit hat gelehrt, daß Jegliches feine eigenthümliche Macht, seine eigenthümliche Gewalt und Waffe hat. daß Nichts allein herrschen kann, daß aber auch Nichts ungeliaft vernachlässigt oder gar unterdrückt werde. ES find dies AlleS Lebensadern der menschlichen Gesellschaft, die in organischen Verhältnissen geeinigt sein müssen. Nun, also auch der Handel hat seinen Theil an der Herrschaft, auch der Geldhandel, auch die Börse — aber Letztere lange nicht so viel, als man noch vor einem Lustrum wähnte. Es war einmal eine Zeit, wo man in der That die Börse für die Beherrscherin der Welt hielt; es hat fich aber erwiesen, daß fie es nur so lange ist, als man fie dafür hält, daß fie aber nur zitternd ihre Blößen zeigt, so bald fie ernstlich angegriffen wird. Sind aber die Juden, wozu die Welt fie gemacht, vorzugsweise handeltreibend, und gehört auch dem Handel ein Theil der Herrschaft der Welt nur so könnte Jemand von einer „Herrschaft der Juden" sprechen.... Und es ist dies schon oft genug geschehen ... und es geschieht täglich_weil diese Rothschilds, diese FouldS allerdings an den Börsen vielen Einfluß üben, weil allerdings viel Juden an den Börsen gesehen werden — darum schreiben die Artikelschreiber der Zeitungen so gern vor einer „Herrschaft der Juden" — weil diese Artikelschreiber selbst an der literarischen Börse ein ähnliches Spiel treiben und darum fich auch gern eine „Herrschaft" zuschreiben.... Fürchtet Nichts, ich gebe Euch dies Alles gern zu, es wäre auch lächerlich, allen Einfluß zu leugnen, welchen die Börse, und welchen — Juden (ich sage nicht „welchen die Juden" —) an der Börse ausüben ... aber fürchtet Nichts, in der That, eö find dies nur Schaumblasen, Wind — weiter Nichts.... Gehet nach den englischen Docks, gehet nach London, Manchester, Birmingham, durchreiset die englischen Fabrikdistrikte, sehet Euch den Mastenwald der englischen Häfen an; gehet auch nach Lyon, nach Marseille und Havre; versäumt nicht Amsterdam und seine „Million" zu besuchen, Antwerpen und seine Bassins — sehet, daS find die Nerven, daS ist daS Rückenmark und das Gehirn und der plerus solaris der Industrie des westlichen Europa'S; daS find die Märkte, die den europäischen Handel beherrschen; wehe! wenn da Stockung, wenn da Krisen eintreten — das fühlt jede einsame Hütte im Erzgebirge ... die pariser Börse? ... Schaum, Schaum — ob so und so viele Spieler heute oder morgen so oder so viel erdachte Hunderttausende haben oder nicht haben — das ist Alles, von reeller Einwirkung auf die Massen, auf die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.