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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-02-14 · Heft 8 (14.2.1853) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 8 (14.2.1853)
Date
1853-02-14
Page
Seite 100 (sequence 12)
Language
German
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100 bar anerkannt, aber diese nicht. In anderen Städten jedoch wurden unsere Glaubensgenossen gewählt, wie in Güstrow und Parchim. Häuser und Landgüter dürfen sie, jedoch auch nur unter ähnlichen Bedingungen, unter ihrem eigenen Namen erwerben. Gewerbe jeglicher Art dürfen fie betreiben; und sie machen schönen Gebrauch von dieser Freiheit. Sie ernähren sich keineswegs mehr lediglich, wie ehemals, wenn auch meistens noch, vom Handel. Die Allenneisten betreiben neben ihrem Geschäft noch Ackerbau, der bei Vielen nicht unbeträchtlich ist. Die Anzahl unserer Handwerker iss im Verhältniß zur geringen jüdischen Bevölkerung (3300 E.) nicht klein. Unser Handwerksverein — der, beiläufig bemerkt, auch von hochgestellten humanen Christen unterstützt wird, wie vom Herrn Kriminalvirektor Doldt zu Bützow und Herrn Domprediger Türk auS Güssrow — hat allein seit 1839 mehr als 50 Der verschiedensten Art aufzuweisen. AuS dem Gelehrtenstand haben wir auch unsere Leute; 6 Acrzte, von denen 4, die HH. vv. Rosenthal zu Waaren, Meyer zu Güstrow, Caspar zu Bützow und Liebmann zu Stavenbagen wegen ihrer Geschicklichkeit, wie nicht minder wegen ihrer uneigennützigen, aufopfernden Menschenfreundlichkeit im ganzen Lande und über seine Grenzen hinaus rühmlich bekannt find; 3 Thierärzte, von denen Herr M. MarcuS zu Güstrow ausgezeichnet tüchtig fich bewähren soll; und Z—4 Advokaten, von welchen Herr 0r. Marcus zu Schwerin, Kammermitglied im Jahre 1848 und 49, und ausgezeichnet warme- und thätigeS Mitglied des OberrarhS, wegen seiner Tüchtigkeit und Biederkeit allgemein geliebt und hochgeachtet wird. Desto geringer aber ist die Anzahl jüdischer Theologen und Pädagogen. Seit 2 Jahrzehenden find deren aus ihrer Mitte nicht mehr als 3—4 hervorgegangen, von welchen einer schon längst wieder zum GeschäftSleben übcrzetteten ist. — Die sozialen Beziehungen der htefigen Israeliten den Christen gegenüber find auch keineswegs als ttübe zu schildern. Allerdings find die alten Voruttheile gegen die Juden noch immer nicht ganz geschwunden. So kennt man z. B. die jüdischen Manufakturisten fast durchschnittlich, namentlich aber bei den unteren Schichten des Volkes, aber mitunter auch dem Pöbel der sogenannten gebildeten Klaffe, nur unter dem Namen „Juden". Im Uebrigen leben beide Konfesfionen in guter Harmonie sowol in Privatals in öffentlichen Zusammenkünften; selbst in die höheren Zirkel nimmt man die Gebildeteren unsers Glaubens auf; und fie genießen allgemeine Achtung und Verttauen. So viel auch die pietistischen Pfaffen, deren es hier zu Laude lei- ' der gar viele giebt, beflissen find, unfern Glauben, unsere Sitten und unfern Namen in den Augen deS Volkes zu verkleinern, und selbst von der Kanzel herunter herabzuwürdigen suchen — dem Himmel sei Dank, ihr menschenfeindliches, mittelalterlich finsteres Wirken bleibt fast ganz erfolglos. Bei der bessergefinnten Mehrzahl machen fie fich hierdurch nur zum Spott und Hohngelächter. So prallen die giftigen Pfeile ihrer bösen Zunge nur auf fie selbst zurück, die fie auf Unschuldige abzuzielen gedachten. B. Die moralischen und religiösen Zustände. Das moralische Verhalten der mecklenburger Israeliten darf im Allgemeinen wol ein ehrenhaftes genannt werden. Fast Jedermann sucht fich und die Seinigen auf eine ehrliche und anständige Weise zu ernähren. Notorisch Arme giebt eS nur sehr wenige und die Wenigen werden zum größten Theil von ihrer eignen Gemeinde erhalten, so daß fie nur selten mit ihren Ansprüchen andere Städte belästigen. Nach besten Kräften und ohne Widerstand helfen die hiefigen Israeliten Staat-- und Stadtlasten tragen. WaS die Wohlthättgkeit betrifft, so wird fie, wo wirkliche Noth da ist, ohne Unterschied deS Glaubens und deS Standes und nicht selten in größer« Maaße geübt. In Glaubens- und Religionssachen herrscht unter ihnen ein freier, aber leider nur kein gottesfürchtiger Geist. Lerchtstnn und Gleichgiltigkeit in Religionssachen halten fie für Aufklärung, während ihr Geist zumeist noch so sehr im Dunkel schwebt über daS, was daS Judenthum von seinen Bekennern fordert. Wehe! fie, die fich für weise halten in ihren eigenen Augen, wandeln nach dem Jrrlichte deS Unglaubens und der Freigeisterei, oder in der Nacht der Unwissenheit des Aberglaubens und des Wahnes! statt nach dem klaren, Her; und Geist erwärmenden Lichte deS Glaubens und der Vernunft, wie die Gotteslehre in Schrift und Gewissen es uns leuchten läßt. Wehe! fie haben dem LebenSbaum, den ihre Religion ihnen bietet, die erste Bedingung alles LebenS, die Wurzeln abgeschnitten und halten fich an bald verdorrtem Laubwerk menschlicher Klügelei! So müssen wir namentlich das jüngere Geschlecht, auf das Israel nun seit länger als einem halben Jahrhundert seine schönsten Hoffnungen baute, hart anklagen. (Schluß folgt.)

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