Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 7 (7.2.1853)
- Date
- 1853-02-07
- Page
- Seite 82 (sequence 6)
- Language
- German
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82 schlecht bestellt. Die Schulen find keine öffentliche Angelegenheit, sondern Privatsache. Es fehlt, sagt man, an den nöthigen Geldern, nicht aber an tüchtigen, wenn auch müssigen Subjekten, die gleichwol nur von Almosen leben. Man findet daher keine ordentliche Elementarschulung bei den Juden. Nur die Sephardim haben in ihren Synagogen eine Schule, im Grunde aber davon eher den Schatten, und wenn auch die Aschkenazim auf eine Schule weisen, so können sie doch schwerlich auf diesen Namen mit Recht Anspruch machen. Man darf daher nicht wähnen, daß die jüdische Bevölkerung durchgehends ordentlich schreiben könne. Hingegen glaube ich, daß eS trotz aller mangelhaften Schuleinrichtung, keinen Erwachsenen deS männlichen Geschlechtes gebe, der Gedrucktes nicht ziemlich gut wegliest. UebrigenS zählen die Juden viele höhere Privatschulen, worin die Schrift, besonders nach Anleitung des Talmuds erläutert wird. Man rühmt, daß diese höhere Talmudschule bei den Deutschen entschieden den Vorrang einnehme, und ein Knabe leicht zu erkennen sei, ob er die deutsche oder portugiesische Talmudschule besucht habe. Auch ältere Männer kommen zusammen, um sich in der theologischen Bildung immer mehr zu vervollkommnen. Viele Juden zeigen sich wirklich unermüdlich in der Schriftforschung und in der Wanderung durch das Labyrinth deS Talmud, und so viel ich bemerkte, herrscht dabei viel weniger etwa ein scheinheiliger Zwang, um als würdig der Unterstützungen zu erscheinen, denn vielmehr eine freudige Begeisterung für die GotteSsache. Der Gedanke, dem gottliebsten Volke auf Erden anzugehören, thut immer noch seine Wunder. — Die Protestanten (Missionare) haben eine Elementarschule und (1846) ein hebräisches Kollegium. Die Schule ist sehr klein, und nur fünf (nach einer andern Miltheilung zwei) Kinder genossen zu meiner Zeit Unterricht, und diesen nicht regelmäßig. So oft ich hinkam, sah ich keine Schüler. Wie viel man den gedruckten Berichten trauen kann, sieht man daraus, daß im April 1851 die Schule bewunderungswürdig genannt wurde, mit wer weiß wie vielen Schülern, und im selbigen Jahre mußte sie — gänzlich umgestaltet werden! Am 19. Mai 1843 wurde vom Bischof Alexander auch ein hebräisches Kollegium errichtet, getaufte Juden zum Predigtamte heranzubilden. Zu meiner Zeit besuchten sie sechs getaufte Juden. Es wurde ein Kandidat ordinirt. Die böse Zunge sagte, daß vr. Macgowan (der Arzt deS Hospitals), wenn er einer Prüfung beiwohne, nicht ermangle, die Leistungen der Lehrer herauszustreichen, wogegen diese, nach dem jus talionis oder damit eine Hand die andre wasche, nach Spitalvisitationen deS Lobes nicht genug in die frommen Denkblätter schicken können; denn — im Jahre 1847 wurde daS Kollegium verabschiedet. Die Engländer stifteten auch eine praktische Handwerksschule für Proselyten; aber sie glückte nicht, und vor einiger Zeit trat Zahlungsunfähigkeit ein. Zu meiner Zeit sah ich niemals einen Lehrling, wenn ich hinkam, obschon noch zwei Lehrlinge einregistrirt waren. — Es giebt unter den Juden Bücherstiftungen, welche Jedermann zugänglich sind. Bedeutend ist auch die Zahl der jüdischen Handschriften, worunter 5 bis 6 Jahrhunderte alte und werthvolle genannt werden. Die jüdischen Pilger, die nach Jerusalem kommen, verlassen dies selten, sondern wollen dort sterben. Wenn sie sich wieder von Jerusalem trennen, so werden sie mehr von ökonomischen oder häuslichen Gründen geleitet, als daß eS ihnen nicht gefalle. Uebrigens giebt eS auch solche Juden, welche zum zweiten Male nach der h. Stadt wallfahrten, und erst dann eine bleibende Stätte dorr suchen. Die Liebe zum Lande der Väter ist groß und gründlich. Ich traf, selbst zu meiner Freude, Deutsche, die bei all ihrer Dürftigkeit,'sich unbeschreiblich glücklich fühlen, da zu leben, wo ihre erhabenen Vorfahren wirkten und starben. Man fragte einen Juden, warum er mit Familie und all dem Seinigen nach Jerusalem gezogen sei. Ich bin, antwortete er, nun 76 Jahre alt, und noch lebte ich nur zwei Tage; denn ich begann erst vom Augenblicke an zu leben, da ich den Fuß auf den heiligen Boden setzte. Der Jude verläßt daher Jerusalem nicht wieder, weil die Gründe, welche ihn zur Heimsuchung der h. Stadt bewegen, dauerhafter Natur sind; denn der Jude will hier Tora und Talmud ftuviren, und im Thale Josaphat dem Mutterschooße der Erde übergeben werden, wo, wie er glaubt, kein Wurm nach dem Tode den Körper zernichtet. Die Juden glauben, daß gleich nach der Grablegung etliche Engel kommen, und sie sehr hart strafen, daß aber die im h. Lande Verstorbenen diese Strafe (Chibut Hakeber) nicht treffe, daß die in einer andern Gegend Hingeschiedenen auch genöthigt seien, auf den I Tag des jüngsten Gerichtes unterirdisch durchzukom-