Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 6 (31.1.1853)
- Date
- 1853-01-31
- Page
- Seite 74 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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*34 wie lang ist denn der Faden?" — „Der Faden ist ohne Ende, kennst Du den Faden der Mefikim nicht?" — „Ei, so soll verwünscht sein, wer ihn gesponnen hat!" — „Ja, daS hilft nur Nichts! Wart' Du, bis ich Lust verloren, zu nähen, und Lust bekommen, mit Dir zu gehen...." — „Und so lange soll ich warten?" — „Ja, anderwird'S wol nicht sein." — Brummt er gewaltig; lass' ich mich nicht stören, und nähe weiter, langsam, sehr langsam, alle Viertelstunde einen Stich, daß ich nicht müde werde. Rutscht er auf der Bank hin und her, endlich springt er auf und schreit: „Das halt' ich nicht aus; jede Sekunde muß ich eine Seele zum Richterstuhl bringen, und nun bin ich schon eine Stunde hier; Tausende leben schon mehr, als da sollen, und wenn ich warte, bis Du fertig bist, ist die Welt unterdeß so voll, daß kein Platz mehr unter den Füßen ist._" — „Za, ich kann dem nicht abhelfen, ich bin mit meinem Faden in Ewigkeit nicht zu Ende. —" Entsetzt sich der TodeSengel gewaltig, und spricht endlich: „Nun sag', waS ich thun soll, daß ich von Dir komme, entbinde mich meine- Versprechen-...." — „DaS will ich thun, wenn Du mir gelobest, mich zehn Jahre in Ruhe zu lassen._" — „ES sei, eS sei!..." und hinaus mit Donnergebrause stürzt der Engel, er mochte viel Eile haben.... Aber am andern Morgen war der Faden verschwunden; er mochte wol nun seine Kraft verloren haben. Ich jedoch ward gesund und stark, daß die Leute fich schier verwunderten, was mit mir geschehen, am Meisten mein Arzt, der mich schon loS zu sein geglaubt. — „Nun," frug ich, „ist der Malach nicht wieder gekommen, der Moloch heißen könnte?..." „Ob!?" antwortete Jochim. „Wie Alles zu Ende geht, schwanden auch die zehn Jahre hin, die mir der Malach Frist gegeben. Er mochte jedoch an mich vergessen haben, denn eS vergingen noch Monde, und er erschien nicht. ES war ein starker Winterfrost, und die eifige Luft hatte die Brust mir so wund geätzt, daß ich vor Schmerzen und Beängstigung fast wünschte — wenigstens in manchen Augenblicken — der Engel käme nun, mich zu erlösen. Sitz' ich dicht am wärmenden Ofen und trinke Brustthee, der mir gut that, daß eS mir ganz wohl um'S Herz ward, habe vor mir aufgeschlagen da- Buch, welches „die Quelle des Lebens" heißt-als ruhig und leise der Malach hammoveS hereinhuscht. Ich blick' ihn an; er schien etwas zerstreut, ermüdet; war doch damals die Cholera durch die Länder gegangen, was dem armen Engel viel Mühe gemacht haben muß; kam vielleicht aus Indien eben her, wo kein Winter ist, so daß jene Pest daganze Jahr wüthet. „Bist Du bereit, mir zu folgen?" ftug er mich feierlich. „WaS soll ich nicht." antwortete ich ruhig, „Hab' nun genug gehustet, will nun versuchen, wie eS fich ohne Husten leben läßt...." „Gut..." und streckte sein Schwert gegen mich auS. „Halt!" ruf ich, „noch einen Augenblick! ich kann doch in der Schrift des Herrn nicht mitten im Satze abbrechen. Laß mich nur lesen, biich umgeblättert habe, nicht länger." „Soll ich?" ftug er fich. „Thu's nur," fügt' ich hinzu, „Du kannst Dich die kurze Weile am Ofen niederlassen, wird Dir auch gm thun ... daS Wort Gottes verdient Ehre...." „Nun so sei'-..." spricht er. Ich steh' auf, rück ihm einen Stuhl an den Ofen, und er läßt fich nieder. Ich wieder hin an da- Buch, und lese weiter. Lange war ich auf der andern, lange auf der dritten Seite, aber ich brauchte ja nicht umzublätteru, um weiter zu lesen. Lange schwieg der Malach. ES war so traulich im Zimmer; daS Feuer knisterte, das Heimchen zirpte; er mochte wol ein Wenig eingenickt sein. Da schüttelte er fich mit einem Male, und rief energisch: „Bist Du fertig?"—„Ich habe noch nicht umgeblättert._" — „Nun, Du mußt doch den Satz zu Ende lesen...." — Ja, das that ich, aber umzublättern brauch' ich darum nicht, weißt Du nicht, wie die Mes8im lesen?_" „Da fuhr er wild auf: „Halt! bist Du nicht derselbe Bucklige, der mich schon einmal geprellt? Und ich, Fant, mußte daS vergessen.... Diesmal sollst Du mir nicht so fortkommen; jetzt gleich..." und in unaussprechlicher Wuth holte er mit seinem Schwette auS, daß ich stcherlich zu tausend Splitter vergehen mußte-aber in der Mitte der Lust blieb sein Schwert hängen, und so gewaltig war der Stoß, daß er selbst beinahe auf daS Antlitz fiel. „Kein Geist," sprach ich langsam und betonend, „darf sein gegebenes Versprechen brechen... Nach einigen Augenblicken hatte er fich beruhigt. Die Verhandlungen vom vorigen Male standen lebhaft vor seiner Erinnerung. „Na," sagte er, „ein zehn Jährchen kostet eS wol wieder." — „Nicht mehr, nicht minder," erwidette ich. „Wolan, aber wisse, wenn wir unS wieder tteffen, sollst Du mich nicht wieder hinter'- Licht fuhren, ich werde Dich kein Wöttchen sprechen lassen, mich sehen und sterben wird Dasselbe sein." „Ich bin darauf gefaßt," sprach ich, meine Mittel find auch zu Ende." Er ging, und ich — lebe noch, aber lesen ohne umzublätteru kann ich seitdem nicht mehr. ES find nun fünf Jahre um...."