Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 6 (31.1.1853)
- Date
- 1853-01-31
- Page
- Seite 65 (sequence 3)
- Language
- German
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65 sier und neuester Zeit entgegen. ES hat noch kein Volk, dem die fittliche Kraft ausgegangen, einen Höhcnpunkt in der Menschheit erreicht, und noch hat kein Volk in sejner sittlichen Blüthe unterlegen. Hat ein Volk seine fittliche Würde und Kraft verloren, so helfen auch keine Revolutionen, keine künstlichen Spannungen und galvanischen Reize — der Ausgang dieser wird die Herrschaft des energischesten oder des psifsizsten AbentheurerS sein, weil die sittliche Entnervung des Volkes nichts Anderes erträgt und zuläßt. Dies ist der Schlüssel zu allen großen Erscheinungen der Weltgeschichte in Babel und Susa, wie in Memphis und Jerusalem, in Athen und Rom, wie in Warschau und Paris. Es eristirt keine einzige Ausnahme d av on. Sehen wir aber, m. H., wie eS Ziel und Zweck der großen Individualitäten in den Geschlechtern, Racen und Völkern ist, ihre Besonderheit zur höchsten Entfaltung zu bringen, so kann dies nur um desto sicherer von allen Individuen auSgesagt werden, da in diesen daS nie rastende Ich von selbst darauf dringt, da dieser persönliche Wille, diese nie zu erdrückende Schaffkrast, so wie ihr Gegensatz, die immerfortige Bildsamkeit innerhalb gegebener Verhältnisse es gebieterisch fordern. Um so irriger und verwerfticher waren jene, nunmehr begrabenen Versuche in kommunistischen und sozialistischen Gesellschaften das Individuum auSzurotten, wie im Gegensatz nicht minder zu aller Zeit dem absoluten Despotismus der Mensch widerstand, wenn er zu Millionen gleichförmiger Nullen hinter der Eins deS Despoten werden sollte. — Aber, g. H., indem es daS unaufhörliche Streben deS menschlichen Geschlechts ist, sich in zahllosen größeren und kleineren Individualitäten zur bcsondern Entfaltung zu bringen: wird die gesammte Menschheit von der Idee beherrscht und getrieben, eine immer größere und innigere und vollständigere Einheit zu bilden. Wilhelm v. Humbold sagt: „Wenn wir eine Idee bezeichnen wollen, die durch die ganze Geschichte hindurch in immer mehr erweiterter Geltung sichtbar ist, wenn irgend eine die vielfach bestrittene, aber noch vielfacher mißverstandene Vervollkommnung deS ganzen Geschlechtes beweist, so ist eS die Idee der Menschlichkeit: das Bestreben, die Grenzen, welche Vorurtheile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen gestellt, aufzuheben, und die gesammte Menschheit, ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe, als Einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung Eines Zweckes, der freien Entwickelung innerlicher Kraft, bestehendes Ganzes zu behandeln." Es ist dieS wahr, aber noch einseitig, wir müssen es vollständiger fassen. Ich erinnere von der einen Seite an die äußerlich und innerlich seit ältester Zeit immerfort wachsende Verbindung unter allen Gliedern der Menschheit, in allen Gegenden der Erke, und die in der neuesten Zeit durch Dampfkraft, Telegraphie und Schnellpresse eine so große Entwickelung erreicht har *); ich erinnere, wie durch die wachsende Verbindung, Verästelung und Verwickelung der Verhältnisse, namentlich durch das Jneinanderleben der Judustrie und Geldverhältnisse immer mehr ein Organismus aus der Menschheit wird, in welchem alle Theile berührt werden durch den Schlag, der ein Glied trifft; ich hebe besonders hervor, wie, abseitens aller individuellen und nationalen Tendenzen und Strebungen, die Menschheit sich seit ältester Zeit einen immerfort wachsenden allgemeinen Schatz an Kunst und Wissenschaft, an allgemeiner Ueberzeugung und Bewußtsein, an RechtS- und SittlichkeitS begriffen angelegt hat, einen Schatz, der immerfort durch alle Nationen und Individuen wächst, und doch der Allgemeinheit, also der Einheit der Menschheit angehört; denn weder die Mathematik, noch die Malerei gehört dem Individuum oder der Nation, durch wen sie auch am Meisten oder am Wenigsten gefördert werde; die großen Ideen deS Glaubens und des Rechts, wie sehr sie auch noch im Kampfe liegen, sind längst allgemeine worden; und selbst was die nationale Literatur hervorbringt, wird durch Sprachkunde und Uebertragung schnell allgemeines Gut, sobald es dessen werth ist. Immerhin mögen einzelne Länder sich vor dieser Einheit absperren, indem sie es thun, erkennen sie diese und ihre Macht an, und über kurz und lang zerfallt die chinesische Mauer, und die Hand, die sie gebaut, diese selbige muß sic abtragen. Und so steht als daS höchste Ziel des Menschengeschlechtes vor uns: jedem Individuum die möglichste Entfaltung seiner Individualität zu gewähren und zu fördern, und aus der Gesammtheit der Individuen eine immer innigere und vollständigere Einheit zu entwickeln. Dies, g. H., ist der Geist in der Menschheit. Während als S t o ff die Individuen, Völker, Racen, Geschlechter faktisch in ihren Verschiedenheiten getrennt, in ihren Aehnlichkeiren vereinigt sich darstellen; treibt der Geist, diese Verschiedenheiten zu einer bestimmten, höhern Entfaltung zu bringen, diese Aehnlichkeiten aber in eine immer höhere Einheit aufgehen zu machen; treibt der Geist, *) S. die 3te Vorles. im vor. Jahre No. 14, S. 162.