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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-01-31 · Heft 6 (31.1.1853) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 6 (31.1.1853)
Date
1853-01-31
Page
Seite 64 (sequence 2)
Language
German
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64 dern eS umgekehrt der Fall ist. Gerade dadurch zeigt sich als das allein Richtige: daß die wahre Emanzipation des Weibes nicht in Gleichheit der Beschäftigung, der Pflichten und Rechte mit dem Manne besteht, sondern darin, daß daS Weib wie der Mann die höchste Entfaltung innerhalb ihrer natürlichen Begabung, innerhalb ihrer natürlichen Verschiedenheiten und Geschlechtsindividualität anstreben. Aehnlich verhält eS sich, m. H., mit den seit ältester Zeit wiederholten Behauptungen von höheren und niederen Menschenracen, aus denen z. B. selbst Aristoteles die Berechtigung zu Freiheit und Sklaverei für die verschiedenen Mcnschenstämme systematisch herleitete. Man sah es bis zur neuesten Zeit als eine Natureinrichtung an, daß die Neger dienen, daß die Rothhäute dem Weißen weichen — nun, man braucht nicht so weit zu suchen; es giebt noch im Herzen von Europa genug Leute, welche sich über Bürger und Dauer von Natur wegen erhaben dünken. Was ist hierin der Jrrthum? Daß eS sowol bildsamere, als höher gebildete, durch geistige Kultur veredeltere Menschenracen und Volksstämme giebt, müssen wir einräumen. So wenig aber die, Zahrhunderte lange Herrschaft von Patriziern erweist, daß diese edlerer Natur und Art als die Plebejer find, wie vielmehr mit dem Augenblicke, wo für die Plebejer die gleichen Bedingungen bestehen, eine Unzahl der bedeutendsten Menschen auS ihrem Schooße hervorguillt, jene also nur durch die geschichtlichen Verhältnisse höher gebildet, früher veredelt, aber nicht an fich edler erscheinen — also auch bei den Menschenracen und Volksstämmen. Als Pizarro in Peru, als Cortes in Mcriko eindrang, trafen fie einen so entwickelten, veredelten Menschenstamm, wie ihn die Zndianerstämme der westindischen Inseln niemals zu versprechen scheinen; unter den Stämmen des Westens nehmen noch heute die pferdebändigenden ComancheS einen hohen Platz durch ihren edeln, ritterlichen Charakter ein; unter den Völkerschaften der großen mittclafiatischen Steppen werden die Tscherkeffen wegen ihrer Tapferkei, ihrer Würde und fittlichen Strenge gerühmt; und so, welche Menschenrace wir in Betracht ziehen, zeigt eS fich, daß es unter ihnen, selbst unter den Negervölkern, Völkerstämme giebt, welche zu der reinsten, fittlichsten Entwickelung, zu einer Stufe des Adels und der Würde fich erhoben haben, die Bewunderung erregt, und die erweist, daß es durchaus keine absolut niedrige und unbegabte Menschenrace giebt. Humboldt sagt*): „Alle Menschenracen find gleichmäßig zur Freiheit bestimmt, zur Freiheit, welche in roheren Zuständen dem Einzelnen, in dem Staatenleben bei dem Genuß politischer Institutionen der Gesammtheit als Berechtigung zukommt." Um so klarer erscheint es nun aber, daß es die Aufgabe jedes Volkes ist, seine Individualität zur höchsten Blüthe und Entwickelung zu bringen, und Alles was eS mit der Begabung seines besondern Volksgeistes und DolkscharakterS erreichen kann, zu erzielen. Die Geschichte entrollt uns hier ein großes Gemälde, das freilich tausend Lücken und unerkannte Stellen hat. Sie lehrt uns, wie dieser besondere Volkscharakter fich zu einer bestimmten Volksausgabe gestaltete, an deren Lösung es seine höchsten Kräfte verwendete, und daß alle diese einzelnen Erscheinungen in einander greifen, daß daraus wie rin Ganzes fich macht. Ein jedes Volk erscheint wie ein Buchstabe deS großen menschengeschlechtlichen AB C. WaS ist nicht Alles an uralter Kunst und Wissenschaft aus Indien und Egypten gekommen; wie reihten fich an diese die Hebräer mit der welterleuchtenden „religiösen Idee", die Phönizier mit der weltverbindenden Schifffahrt, die Griechen mit weltgestaltender Kunst und Wissenschaft, die Römer mit wcllbeherrschender Kriegs-, Rechts- und StaatSwissenschast; so im Alterthum, und so vermögen wir auch in der neuern Welt jedem Volke seine besondere geistige Natur, seinen Beruf, seine Aufgabe nachzusagen und zu bezeichnen. Hier tritt uns aber eine besondere Erscheinung entgegen. Jede Aufgabe eines Volkes an sich ist eine unendliche und gar nicht zu erschöpfende. Wer kann sagen, wo die Kunst aufhört, wer, wo die Wissenschaft ihr Ende, wer, wo die religiöse Idee ihren Abschluß hat u. s. w. ES kann also kein Volk seine Aufgabe völlig lösen; eS kann kein Volk an seiner Aufgabe sterben. Und woran verenden dennoch die Nationen? Warum ist dieses Griechenvolk unter demselben Himmel zu dem erbärmlichsten Schemen seiner selbst verschrumpft? Warum beugten diese Römer in demselben Rom ihren Nacken den Füßen der schändlichsten, schwächlichsten Jorperatoren, und verflogen wie Spreu mit all ihrer Kriegskunst vor den regellosen Haufen der germanischen Horden? Warum löste fich der slavische Vorkänrpfer, der Wien, d. i. Europa vor den Türken gerettet, dieses Polen in Splitter auf? Die Antwort ist: weil die sittliche Kraft allein den Bestand der Nationen regelt und bewirkt. Dieser Satz, den auszusprechen in unserer Zeit ein gewisser Heroismus gehört, weil er als großväterisch verhöhnt wird, klingt seinen Verhöhnern höhnisch aus älte- *) KosmoS I. S. 385.

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