Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 4 (17.1.1853)
- Date
- 1853-01-17
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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48 daß er mich berufen sollte, um Gotteswillen am andern Morgen 'in N...dorf ein Knäbchen zu beschneiden. Der Bote aber mußte sofort zurück. Nun, ich wußte ja Bescheid in der Gegend, kannte Weg und Steg, obschon der Schnee die ganze Flur egal gemacht hatte. Nach Mitternacht machte ich mich auf, mein Mohelzeug wohl eingepackt unterm Arm. "Aber kaum hatte ich eine halbe Stunde zurückgelcgt, als ich vor dem Schneewirbel, der mich blendete, vom Wege abkam und mich in der Irre befand. Noch schritt ich rüstig zu — halt, da krachte es unter mir wie wenn eine Eisrinde zerborst, und ich versank bis unter der Achsel in! einen Sumpf. Vergebens arbeitete ich, um herauszukommen , ich sank nur tiefer, und ich glaube, wenn mir der Schöpfer nicht den Rücken höher gewölbt als anderen Menschenkindern, ich wäre untergesunken. So aber erhielt mich mein Buckel über dem Eis und Schnee, aber ich verlor das Bewußtsein, meine Glieder reckten sich, und . . . Da war eS mir, als ob ein kleines graueS Männchen, aber merkwürdiger Weise mit zwei Köpfen, vor mir stand, und mir die Hand entgegenstreckte, und sagte: „Wenn Du mir willig folgen willst, wohin ich Dich führen werde, so will ich Dich retten!" Ich gelobte es mit Hand und Mund. Ein Ruck, und ich war heraus; aber alsbald gewahrte ich die Oeffnung einer Höhle, und zu dieser geleitete mich das graue Männchen. — Wohin soll es denn?" rief ich bangend aus. — „Du sollst Dein heilg«S Amt vollführen. 3ch bin der Bote der Mestkim (eine Art Geister), und unserm Könige Churmin bar Lilith ist heute vor acht Nächten ein Knäbchen geboren worden. Wird er beschnitten, so lebt er tausend Z^hr, und kann zu aller Zeit unter den Menschen wandeln. Doch bedarf es hierzu eines guten, frommen Jehudi, und eS darf nichts versäumt werden, was zum heiligen Bunde Israel's gehört. So komm, und folge mir dreist, Dir kann nichts Uebles geschehen, denn Dich schützt Dein heiliges Amt."... Nun, das Herz schlug mir gewaltig, aber ich hatte keine Wahl. Vor dem Eingänge zur Höhle mußte ich aber durch heiligen Schwur geloben, Niemandem mitzutheilen, was ich sehen würde. Denn das sei sür Erdenmcnschen nicht. Auch das that ich, denn was thut man in der Stunde der Angst nicht. Daher schweig' ich, was ich da drunten im Schooße der Erde sah und hörte, nachdem ich viele Stunden tief hinuntergefahren, aber wie im Nu. Genug, ich that, was ich zu thun, und eS gelang mir so vortrefflich und leicht, wie nie zuvor und nie nachher, nur daS Eine will ich bemerken: kein Tröpfchen Blutes kam heraus. Als ich vollendet hatte, und mein Mohelzeug zusammengepackt, da sprach der König Churmin zu mir: „Jochim, höre, waS wünschest Du Dir, sag' an, kann ich's, soll's geschehen, so wahr meine Mutter die Lilith ist, aber ebenso gewiß soll's nicht geschehen, wenn ich's nicht kann. Daher fir, zwei Wünsche sollen Dir erfüllt werden zum Lohne, daß Du eS so ttefflich gemacht — " Ich sann nur eine kurze Zeit nach, und sprach keck: „Weiß Du waS, König der Mefikim, ich will was ganz Unschuldiges, damit Du und ich nicht verantwortlich find. Meine Hofen siehst Du, find sehr durchlöchert, und haben heute Nacht nicht gewonnen, aber das Flicken gefällt mir nicht, weil der Faden immer wieder aus dem Stich fährt, oder all' Augenblick zu Ende ist. Weißt Du was, so schenk' mir einen Faden, der niemals aus dem Stich fährt und niemals zu Ende geht, außer wenn ich ihn abschneide." Der Geisterkönig hielt sich den Bauch vor Lachen, und sprach: „Jochim, Du bist ein prächtiger Kerl, den Faden sollst Du haben, er ist schon in Deiner Tasche." „Und zu zweit," sprach ich weiter, „wenn ich lese, ist mir nichts fataler, als daß ich all' Augenblick umblättern muß. und will ich gar eine andre Stelle vergleichen, so brauche ich alle Finger, um die erste festzuhalten. Weißt Du was, schenk' mir, daß ich gar nicht umzublättern brauche, und doch weiter lesen kann." Siehe, auch daS gewährte mir der König Churnim, und fugte hinzu: „Nun packe Dich, Jochim, und lebe wohl." Kaum hatte ich mich verbeugt, als ich einen Stoß in allen meinen Gliedern fühlte, und siehe, ich saß auf der Schwelle des HauseS, wohin ich gehen gewollt, um zu beschneiden, und es war mir nur, als ob in der Ferne das graue Männchen mit den zwei Köpfen verschwände. Ich hätte Alles sur einen Traum gehalten, aber den Zwirnsfaden fand ich in meiner Hosentasche. Sonst ging Alles den Tag glücklich ab, und ich kehrte seelenvergnügt nach meinem Dorfe zurück. (Schluß folgt.)