Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 4 (17.1.1853)
- Date
- 1853-01-17
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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47 ich ste auch in die Stiefeln stecken wollte, gingen fie doch nur bis an's Knie...." Da sah er ein Anderes, und das mochte ihm Zusagen; ging er gravitätisch zum Schranke, und langte einen noch ganz reputirlichen Hut herab, und immer weinend setzte er ihn sich auf und trat vor den kleinen zerbrochenen Spiegel, und beschaute sich, wie er ihm stünde, und schüttelte den Kopf, bald nach beiden Seiten, um den Schmerz über seinen Heimgegangenen Bruder, bald nach unten, um das Wohlgefallen über den Hut auszudrücken.... Macht' ich, daß ich fortkam. Aber der Jochim kam mir nicht aus dem Sinn. War er doch von unendlicher Güte und Geduld, und wem was auf dem Herzen lag, konnte nichts Besseres thun, als sich eine Stunde zu dem kleinen, buckligen Jochim auf die letzte Schulbank zu setzen, nicht um es ihm mitzutheilen, sondern nur ihm zuzuhören, wie er mit der „Schmachtstimme" plauderte, erzählte, demonstrirte von Einem in's Hundertste und dann in'S Tausendste, unv beruhigt von dannen zu gehen. Erinnre mich, wie ich so einstens bei ihm saß, still und traulich, kam ein armes Weib herein: „Herr Jochim, wollen Sie wol so gütig sein, mir einen Brief zu schreiben?" Nahm er Papier und Feder zur Hand, und sprach: „An wen denn?" Fing fie an zu erzähle», und er hörte ruhig zu, eine halbe Stunde, und dann fing fie nochmals an, denn fie hatte die Hauptsache vergessen, und dann hatte fie den eigentlichen Gegenstand übergangen ... er rührte fich nicht. Nun erzählte und sprach fie immer noch, aber er war schon fertig mit dem Brief, und unterbrach fie und laS ihr den Brief vor, ach, und fie war so gerührt von ihrer eigenen Sache, und weinte über den rührenden Brief: „na, wenn der nicht hilft, hilft Nichts"... Faltete er den Brief, schrieb die Adresse, siegelte ihn zu, reichte ihn ihr. Fing fie an: „Lieber Herr Jochim, was fang' ich aber an, ich Hab' das Postgeld nicht zu bezahlen?'' Griff er in die Westentasche, seine Schatzkammer, und gab ihr ein Zweigroschenstück zum Postgeld. Dankte fie, und hob nochmals an: „Lieber Herr Jochim, gehen fie nicht gerade vor der Post vorbei? Ich Hab' keine Zeit hinzugehcn... Antwortete er ruhig: „Nein, liebe Frau, die Hab' ich auch nicht, aber hier habt Ihr einen Sechser, dafür tragt Euern Brief hin... ." Und fie nahm ihn, und guckte ihn nochmals an, als ob fie noch was auf dem Herzen hatte, aber .ich könnt' mich nicht halten vor Lachen, und das nahm sie übel auf, und rannte fort, und schlug die Thüre zu, daß das Haus bebte, und räsonnirte laut, aber den Brief und die zwei Groschen und den Sechser nahm sie mit ... und Jochim lächelte, und drohte mir mit dem Finger, und sagte: „Sie werden mir meine Kundschaft vertreiben. ..." O die sanfte „Schmachtstimme" dabei!? Fünfundzwanzig Jahre war er schwindsüchtig, der gute Jochim, und man hatte wiederholt seinen Tod erwartet, vor zwanzig, vor zehn Jahren schon, aber er war immer wieder erstanden, und wenn man mir ihm darüber sprach, so lächelte er in fich hinein, und drehte die Augen nach innen, als ob er es wohl wüßte, wie es gekommen , aber nur nicht sagen wollte... . Denn schelmisch und schnurrig war er bei all seiner Güte und seinem wohlwollenden Ernste — na ich will'S nicht verrathen.... Und da er gern und gut erzählte, beichtete er mir doch einmal, wie all dies gekommen, und zwar folgendermaßen. In meinen jüngeren Jahren, erzählte er mir — ach, eS war eine wohlige Stunde, der Regen rauschte hernieder und schlug an die kleinen Fensterscheiben, der Wind heulte im Schornsteine, es war pechdunkler Abend, kein Sternlcin am Himmel, kein Menschlein auf der Straße, das Feuer prasselte im Ofen, ich hatte Thee und Zucker mitgebracht, und so schlürften wir eine Tasse zusammen — in meinen jüngeren Jahren, hob der gute Jochim an, ach! und mit welcher Wohllust dampfte er an einer sehr leichten Zigarre, die ich ihm mitgebracht, nur daß der böse Husten ihn immer wieder störte — in meinen jüngeren Jahren war ich Mohcl, und ein geschickter Mohel (Beschneider), und wenn die Gelegenheit fich bot, scheute ich kein Hindcrniß, um diese Mizwa (Pflichtgebot) zu vollziehen. Ich war Lehrer in einem Dorfe, in welchem mehrere Familien unsers Glaubens wohnten, ringsum einige Dörfer ähnlicher Art, die nächste größere Stadl sehr fern. War ein schlimmer Winter, und fast täglich wirbelten die Schneeflocken, dann ftor es dazwischen sehr hart, so daß die Schichten des Schnees immer höher fich aufhäuften. War eine solche Nacht, wo daS geringe Licht durch den fliegenden Schnee unbrauchbar ward, als es mit einem Male an mein Fensterchen klopft: „Macht auf!" „Wer da?" rief ich erschrocken. „Ein Bote aus N...dorf." Ich ließ den schneebedeckten Mann herein, und erfuhr.