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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-01-17 · Heft 4 (17.1.1853) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 4 (17.1.1853)
Date
1853-01-17
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 Jahrhunderts abgestreift hat, und zur reinen „Lehre MofiS" und der Propheten zurückgekchrt ist, was es. um so leichter konnte, als alle diese Zusätze die eigentliche Lehre nicht alterirten — so besitzen wir in diesem Judenthume daS abgeschlossene, vollständige System der religiösen Idee, in welchem die Unmittelbarkeit im menschlichen Wesen, die Entwickelung des Verstandes und der Vernunft, die Befriedigung des Hebens, die ganze Natur und die Geschichte gleicher Weise ihre Stellen finden, das darum allein dem ganzen Menschen entspricht, daS darum allein die Garantieen der Wahrheit in sich trägt. Das Judenthum allein unter allen religiösen Erscheinungen ist es, welche keinen Theil des Menschen zu verleugnen braucht, welche alle Konsequenzen der Natur, der Geschichte und der Vernunft annehmcn kann, wenn die Letztere nicht das, ihr nimmer und nimmer zukommende Vorrecht beansprucht, der alleinige Maßstab der Wahrheit, also mit Einem Worte der ganze Mensch sein zu wollen. Diese Lehre des ZudenthumS kann denn auch Angriffe, die auf andere positive Religionen gemacht werden, noch nicht als gegen sich geschehen ansehen; sie sieht vielmehr noch immer die Menschheit durch die ganze Geschichte fortschreitend zu ihr kommen; sie kennt nur Einen Feind, daS ist die heidnische Idee mit allen ihren Konsequenzen, mag sie sich nackt und vollständig im Materialismus, Pantheismus, Atheismus, in der Selbstvergötterung des Egoismus, oder verkleidet in dem sich selbst täuschenden Rationalismus, oder ftagmentarisch und theilweise in den großen historischen religiösen Gestalten sich darstelle». Der Jude hat demnach in seinem Judenthume ein Zwiefaches: die Beftiedigung seines eigenen religiösen Bedürfnisses als Individuum, und den welthistorischen Beruf, Träger der ganzen religiösen Idee in ihrer Ursprünglichkeit und Reinheit zu sein. In erster Beziehung, sobald er die erste Prämisse dieser Lehre zugegeben, ficht sich der Jude innerhalb einer religiösen Ueberzeugung, die den ganzen Menschen befriedigt, und die in Allem, waS Natur und Geschichte lehren, ihre Stütze findet. In zweiter Beziehung kann er nicht zweifelhaft sein, wenn er sich selbst, wenn er die Geschichte seines Stammes, wenn er die Geschichte der Menschheit betrachtet. Es hat sich da der Beruf JstaelS bis auf den heutigen Tag mit so bestimmter Schrift ausgeprägt, daß verkennen bei gesundem Augenlicht nicht möglich ist. Aber, ftägt man, woher denn in Israel selbst dieses Wanken, und Schwanken? warum selbst wieder so oftmaliger Abfall? Leugnm wir dies nicht: der Ursachen. find viele. Voran können wir stellen, daß die Lehre noch lange nicht schon wieder so durchgedrungen, daß sie das Formgesetz in seiner zauberischen Haltkraft ganz zu ersetzen im Stande wäre; während dieses wankt und fällt, hat also Israel noch nicht waS ihm Dieses genügend ersetze. Das zweite Motiv ist die schnöde Renommisterei, zu der namenrlich die jüdische Jugend geneigt ist. Was früher die so genannte „Wurstaufklärung" war, daß Einer eine große That von sich gethan glaubte, wenn er vor Christen oder auch vor Juden trefa aß, wenn er damit den Heroismus seines Geistes dokumentirt zu haben glaubte, das ist jetzt der Unglaube, und jeder jüdische cowmisvoyageur glaubt neben den Waaren seiner Branche auch im Unglauben und fteier Gemeinde „machen" zu müssen, um seine Geistesüberlegenheit zu zeigen. Vielleicht daß es einmal Heroismus sein wird, in „Theologie" zu machen, und daun würde das Gegentheil sich zeigen. Es ist halt wenig auf all diesen Seifenschaum zu geben. Das dritte Motiv ist dann auch sicherlich der materielle Charakter der Zeit, die zu Aufopferungen des Genusses und westlicher Vortheile für die „Idee" wenig befähigt ist. Jndeß übertreiben wir dies auch nicht. Es ist überall noch Treue, Hingebung, Eifer — und je reiner er stch jetzt giebt, je weniger er äußere Motive hat, desto bedeutsamer ist er. Es ist überall und in allen Gemeinden ein Kern da (der oft aus sehr Nicht-Orthodoren besteht), um den in immer weiteren und immer schwächeren Kreisen sich die Uebrigen legen. Aber um so weniger müssen wir Eines verkennen: zu den wirksamsten Ursachen der Schwäche und des Abfalls in unserer Mitte hat die Unentschiedenheit, die Charakterlosigkeit unsererseits gehört. Während man sich um ein aip*1 den Bart ausraufte und in'S Angesicht spie, machte man dem Abfall gegenüber einen Knicks, erstens weil es eben ein Schritt außerhalb unserS Lagers war, und dann um seine Toleranz, seine Aufklärungshumanität zu bewähren. Nein! keine Verfolgung — aber wer uns verleugnet, den verleugnen auch wir, wer uns verläßt, den verlassen auch wir — keine Intoleranz, aber auch keine Gemeinsamkeit mit Dem, der unsre Gemeinsamkeit siieht. Wenn du die Thüre öffnest, um hinauszugehen, kannst, du dich wundern oder gar beklagen, wenn du draußen bist, und wir drinnen bleiben? Also Entschiedenheit, Charakterfestigkest, Selbstbewußtsein, ja Stolz — und darum auch keine Hand dem bald jüdelnden, bald christelnden Disraeli. Mag er bei den : „Beduinen" und „Semtten" bleiben! —

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