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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-01-10 · Heft 3 (10.1.1853) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 3 (10.1.1853)
Date
1853-01-10
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 mich schwer verständlich machen, nicht bloS wegen meiner aschkanasischen Aussprache, sondern auch wegen meines biblischen Hebräisch, da er, wie er sich geringschätzend äußerte, sich nie mit Bibel abgebe, nur mit rr-,22, weil jene schon in dieser enthalten sei. Die Gemeinde fand ich sehr vernachlässigt und unwissend. Mein Wirlh hatte zwischen Porträten polnischer Rabbinen 2 fürchterlich entstellte Kopieen von Da Vinci'S Abendmahl hängen. Am 25. Oktober langte ich hier an. Die Gebrechen, an denen die hiesige Judenschaft leidet, find ungemein zahlreich. Vor Allem die endlose Zersplitterung. Sie theilt sich nach dem RituS (polnischer und spagnolischer), nach Vaterländern und Landsmannschaften (russische, österreichische, preußische, türkische, walachische Gemeinde), nach Straßen und Gaffen beinahe, indem Jeder für sich ein Schülchen errichtet, um oder zu haben, auf der MiSrachseite zu stehen, und anderer derartiger Absichten voll hochfliegenden Ehrgeizes halber. Ein anderes, noch folgenreicheres Gebrechen liegt im polnischen Ehewesen. ES sollen hier bis 150 yB* jährlich Vorkommen; eine genaue Angabe ist unmöglich, da keine Kontrolle geführt wird. Einige Beispiele werden Ihnen die hiesigen Mißstände am Klarsten machen. Eines TageS kommt in die Gemeindekanzlei ein alter Mann, um vom Vorsteher einen Erlaubnißschein zur Heirath zu erheben. Dieser setzt sich schreiben. „Wie heißt Eure Erwählte?" „Ich weiß eS nicht." — Ein anderes Mal trennte sich in meiner Gegenwart ein verlobtes Paar wegen einer Mantille, die die Braut haben zu müssen behauptete, um anständig zur Trauung erscheinen zu können, welche jedoch der Bräutigam anzuschaffen zu unvermögend war. — Vor einigen Wochen kömmt eine Frau zum Vorstand mit der Klage, sie hätte ihren Mann aufgefunden, der sie habe sitzen lassen, und sie verlange die Scheidung. Sie schafft ihn herbei; die Scheidung geht vor sich. Abends kommen sie wieder, sie hätten sich ausgesöhnt und lassen sich trauen (vom Rabbiner). ES stellte sich später heraus, daß der Mann nicht der Mann, sondern blos der Liebhaber der Frau gewesen, von dem sie sich scheiden ließ, weil man sie ohne E2 nicht getraut hätte. — Schlechte Erziehung, frühzeitiges und leichtsinniges Heirathen ohne genügende Subsistenzmittel sind Hauptgründe der schlechten Chen. — Der dritte Krebsschaden ist das Chederwesen. Trotzdem daß die Kinder in der walachischen Schule unentgeltlich ausgenommen werden, floriren die E-n-irt doch fort, obschon hier nicht nur kein Deutsch und Walachisch, sondern auch kein Hebräisch gelehrt. Knaben, die 6—8 Jahre unterrichtet worden waren, wußten mir nicht zu sagen wie der Vater von Schem oder Rüben geheißen. Die neuerrichtete walachisch-jüdische Schule wird noch viel zu kämpfen haben, ehe sie konsolidirt. Sie hat gegen Armuth, Indifferenz, Bornirtheit und Bosheit anzukämpfen. Ein Theil der Kinder kann die Schule aus Mangel an Fuß- und sonstiger Bekleidung nicht besuchen; ein anderer, weil die Kinder zu häuslichen Verrichtungen angehalten werden; ein dritter, weil die Eltern kein Geld auf Bücher wenden mögen u. s. f. Der letztere Punkt, das Geldgeben, oder vielmehr Nichtgeben, ist die Hauptursache deS Nichtgedeihens gemeinsamer Angelegenheiten und Interessen in polnischen Gemeinden, wie auch der herrschenden Armuth. Während die Espagnolen sich mit großen Opfern wechselsweise unterstützen, nimmt der polnische Jude von seinem zu Grunde gehenden Bruder kaum Notiz. Die Folge ist, daß man bei den Espagnolen beinahe keine Armen und bei den Polen keinen Reichen findet; freilich darf auch nicht übergangen werden, daß bei den Ersteren ein innigeres Familienleben, größere eheliche Treue (höchst selten ein vr), größere Arbeitsamkeit, Reinlichkeit, Schamhaftigkeit und Bescheidenheit zu Hause find. — WaS die Eristenzmittel betrifft, ist die große Masse der jüdischen Bevölkerung in Bukarest weit besser gestellt als in den polnischen Ländern, wo die Mehrheit wirklich nur von Wundern zu leben scheint, während hier die überwiegende Mehrzahl auS Handwerkern besteht. Allein es fehlt an technischer Ausbildung, an Drang darnach und an Spekulationsgeist. Diese Elemente des Fortschritts erscheinen jedoch nur, wo die Vernunft zu einiger Geltung gelangt, wahrend bei uns Juden im östlichen Europa die Vernunft vom Verstände erstickt wird. Daher gehen im Westen die Juden oft mit gutem Beispiele voran, ober halten wenigstens mit ihren Nachbaren Schritt, während sie sich hier in's Schlepptau nehmen lassen, ohne daß man das böhmisch-jüdische Sprüchwort auwenden könnte: „Schlepp mich, ich geh'gern." Der österreichische Konsul mußte eine österreichisch-jüdische Schule gleichsam erzwingen, die sich auch nur durch seine Beiträge erhält, und die walachische Regierung

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