Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1853)
- Date
- 1853-01-10
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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30 PreHburg, Ende Dezember. Ungarische Briefe. V. Ich schicke mich an, Ihnen als Fortsetzung meines vorletzten Briefes die neueren Bestrebungen unserer altorthodoren Partei mit unparteiischer Treue zu schildern. Wenn bei meiner Schilderung etwas Kritik mit unterlauft, so mögen Sie dies durch die bei unS vorwaltenden Umstande entschuldigen. In Deutschland, wo der RabbiniSm bloS Gegenstand der Forschung und der individuellen Observanz geworden, mag eine gegen denselben gerichtete Kritik nicht mehr dringendes Bedürfniß sein; mindestens wird eine solche Kritik durch Nichts provozirt. Ganz Anders ist eS bei uns, wo die altkonservativen Rabbinen nichts Geringeres anzustreben bemüht sind, als die Einführung einer strengen Kirchenzucht, bei deren Handhabung der Arm der weltlichen Obrigkeit dem Fanatismus der Rabbinen als Werkzeug dienen sollte. Zu diesem Behufe haben nämlich die Rabbinen schon im Jahre 1850 die Erlaubnist zur Abhaltung einer Versammlung nachgesucht. Zu Vieser Versammlung sollten natürlich die wenigen studirten Rabbinen Ungarns nicht berufen werden. AuS dem Schooße derselben sollten die Verfolgungsmastregeln hervorgehen, nach deren Anwendung unser satzer Rabbiner sich so inbrünstig sehnte, und deren Heilsamkeit er zu wiederholten Malen auch höhern Orts zu beweisen suchte. Das Gesuch der Rabbinen ist bis zur Stunde nicht erledigt worden. Dagegen wurde im Herbste deS vorigen JahreS von Seilen der k. k. Statthalterei eine Kommission niedergesetzt, zu welcher die Rabbinen Schwab in Pesth, Löw in Szegedin, Freier in Raab, Zipser in Stuhlweistenburg und die Laien: Dr. und k. k. Schulrath Löblin, vi. Schwimmer, Rassowitz und Barnay gehörten. In den Septemberfitzungen dieser Kommission wurde nächst der Auskunft über die vorgelegten Fragen, der Beschluß gefaßt, der hohen Regierung ein förmliches Statut zu unterbreiten, dessen Redaktion dem Rabbinen Löw übertragen wurde. In den Novembersttzungen wurde dieses Statur von der Kommission mit einigen Modifikationen angenommen, und — so viel ich vernommen — auch von Seiten der Statthalterei wohlwollend gewürdigt. Daß diese Kommission und das von derselben unterbreitete Statut den Altorthodoren viel Schrecken einjagte, können Sie leicht denken. Und doch trug ihr eigenes Treiben das Meiste dazu bei, daß diese Kommission berufen wurde. Die Alten hatten nämlich in ihren Eingaben die Farben so stark aufgetragen, daß die Regierungsorgane Uebertreibung vermuthen und auf den Entschluß kommen mußten, sich von unbefangenen Männern über die wahre Sachlage aufklären zu lassen. Sie gestatten mir wol, auf die Zeichnung der soeben berührten Verhältnisse etwas spezieller einzugehen. Unsere Altorthodoren waren über die Erfolglosigkeit ihrer ersten Bitte um eine orthodoxe Rabbinerversammlung um so trostloser, als sie die Zeit zur Erreichung ihrer Absichten für sehr günstig hielten, und von manchem orthodorelnden Parvenü in Wien auf den günstigsten Erfolg vertröstet wurden. Unsere hiesigen Reichen fielen nun auf den Gedanken, daß die Pesther, auf deren Ansehen sie ohnedies seit Jahren eifersüchtig sind, es erwirkt haben mögen, daß daS salbungsvolle orthodoxe Gesuch unerledigt geblieben. Um daS Uebel recht gründlich zu beseitigen, wurde daher beschlossen, die Pesther bei der hohen Regierung anzuklagen, und sie als gefährliche, heillose Neuerer und „Religionsstörer" darzustellen. Am Heftigsten und Nachdrücklichsten sollte die Klage oder vielmehr die Anklage gegen das ehemalige Toleranztar-BerwaltungSkomite gerichtet sein, dessen Mitglieder später die Straskontribution repartiren sollten, und deren Mitwirkung endlich bei Gründung deS Kultus- und Schulfonds in Anspruch genommen wurde. Gedacht gethan! Der verstorbene Rabbiner zu Unghvsr, Maier Eisenstädter, wußte die kleinen Gemeinden im ungher und szerboltschen Komitate zur Ausfertigung einer Vollmacht zu bewegen, in Folge deren Leopold Horowitz (Sohn deS verstorbenen papaer Rabbinen), Moritz Steiner in Gorua im ödenburger Komitate und Calmann Bettelheim von hier ein Gesuch Unterzeichneten, aus welchem ich nur einige Stellen hervorheben will. „Noch ist der alte religiöse Sinn unter den Juden nicht erloschen, es bekennen sich vielmehr sieben Achttheile derselben zur orthodoxen Partei, die ihr Seelenheil ausschließend den alten Rabbinen anvertrauen: um so schmerzlicher aber müssen eS die Juden in diesem Kronlande empfinden, daß ihre Gegner, die Reformpartei, eine Hand voll Menschen, an deren Spitze hervorragende Geldmänner stehen, die ihren Einfluß dem frühern anarchischen KomitatSwesen verdanken, heute noch der Behörde in diesem Kronlande