Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-01-10 · Heft 3 (10.1.1853) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 3 (10.1.1853)
Date
1853-01-10
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225826--12872-3299123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

29 nach Amerika aus. Hat nun die Sache keine praktische Bedeutung mehr für uns, so können wir's doch nicht lassen, auS dem desfallsigen Gutachten einen gedrängten Auszug zu geben. Es gebe — besagt dasselbe bezüglich der Verwandtschaftsgrade zwei Kategorieen von Ehehindernissen, nämlich mosaisch verbotene und rabbinisch verbotene. Beide unterscheiden sich nur bezüglich ihrer Wirkungen; bei Erfteren werde eine dem Gesetze zuwider vollzogene Trauung als mstrimonium nullum betrachtet; bei Letzteren müsse sofortige Scheidung eintreten. In die zweite Kategorie reihe sich der fragliche Fall (Ehelichung der Wittwe eines Oheims), es sei wol nur ein rabbinischeS, aber dennoch ein absolutes Ehehinderniß, da auch die rabbinischen Bestimmungen in das jüdische Eherecht ausgenommen und namentlich der Grundsatz obenan stehe: snp» rrr-^rr tsnp^rr 72. Von Seiten der k. Regierung von Mittelfranken ist Herr Rabbiner Grünbaum in Ansbach bis zum Ausgang der desfallsigen Wirren zum Verweser der Rabbinate Dittenheim und Wassertrüdingen ernannt worden. Wie das Terrän zu etwaigen gottesdienstlichen Reformen bei uns dermalen bestellt ist, wollen Sie aus folgendem Faktum entnehmen. Der Rabbiner Herrn Di*. Schlenker in Regensburg hatte in Bereinigung mit seiner Gemeinde dem h. Kultusministerium den Entwurf einer Synagogenordnung zur Genehmigung unterbreitet. Derselbe gelangte in die Hände eines bekannten ultraorthodoren Rabbinen einer andern Kreishauptstadt, welcher ihn als äußerst gefährlich für das Seelenheil der Gläubigen erklärte. Und welches waren die Reformen, welche so gemeinschädlich sein sollten? Hören Sie — es sollen die r->i:2'2in nicht mehr in der Synagoge und — liorribile dictu! — auch in derselben nicht mehr am Vorabend des VersöhnungstagcS mpba geschlagen werden! Der allerhöchsten Stelle mochte dies denn doch zu bunt sein und sie soll das Gutachten dreier als rechtgläubig bekannten Rabbinen erholt haben, die den Entwurf auch in allen seinen Theilen — aufrecht erhalten haben. Werfen wir nun beim Jahresschluß einen Blick auf unsere Zustände zurück, so gewahren wir in politischer Beziehung keinen Rückschritt. Man hat uns nicht viel gewährt, aber das Gewährte wird ehrlich gehalten. Juden sitzen in der Kammer, das promulgirte neue LandrathSgesetz läßt Juden zu diesem wichtigen Staatskörper zu, die Zahl der Advokaten jüdischen Glaubens ist wieder um ein Glied vermehrt und in die Geschwornenliste sind auf'S Neue Israeliten eingestellt, für die Religionslehrer ist eine Summe in's Budget ausgenommen, der Produktenhandel auch dem Juden freigegeben worden u. s. w. In kirchlicher Beziehung ziemlicher Stillstand und vorherrschend die Neigung zum streng Kirchlichen, an die Stelle abgehender, reformfreundlicher Rabbiner werden streng konservative gewählt, aber die Mehrheit der Rabbinen ist doch dem gemäßigten Fortschritt zugethan; im Schulwesen Mangel an Kandidaten, Niedergeschlagenheit, fast Muthlofigkeit deS Lehrerpersonals, weil mit Nahrungssorgen kämpfend; in literarischer Beziehung — Todtenstille; wer wird auch für ein Publikum schreiben wollen, daS am Liebsten radelt, im besten Fall ignorirr und im seltensten kauft! und endlich im Allgemeinen wenig Luft zu Handwerken, aber desto mehr zur Auswanderung nach Amerika. K. Oesterreichischer Kaiserstaat. im Dezember. (Privatmitth.) Wiederum ist ein Jude zum Dozentenvertreter in ein Prosessorenkollegium, und zwar in daS der medizinischen Fakultät, gewählt worden. Der Gewählte ist der rühmlichst bekannte Psychiatrist De. Fische!. Solche Akte sind die beste Widerlegung der marktschreierischen Ju^ densresser, die von der Zulassung der Juden zu akademischen Lehrstühlen den Untergang der Universitäten (nahe) weissagten. Die zugelassenen Juden müssen denn doch nicht ohne sein, wenn sie von ihren christlichen Kollegen solcher Auszeichnung gewürdigt werden. In Betreff ihrer künftigen politischen Stellung sind die Juden nunmehr weniger besorgt, da sichere Andeutungen vorhanden sind, daß in der Hauptsache kein Rückschritt stattfinden wird. Im Einzelnen jedoch fehlt eS freilich nicht an Vorkommnissen, die geeignet sind, schwache Gemüther zu beunruhigen. So ist jetzt die Rebe von Wiedereinführung des berüchtigten Bne Zion, wie überhaupt von Erschwerungen in Betreff der Heirathsbewilligungen. Hoffentlich wird eS unserer thäligen Repräsentanz und besonders ihrem wackern Präses gelingen, diese Kalamität von unS abzuwenden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.