Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 2 (3.1.1853)
- Date
- 1853-01-03
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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20 Abhandlungen verschiedenen Inhalts. Antoninus und R. Jehuda Hanaßi. Vergleichende Studien über den Talmud, MB D. Dppeckhei», Rabbiner in Jamnitz. I. Eine Haupttusache der ezyprischen Finsterniß, die noch immer auf den meisten Partieen deS Talmuds, gleich einem dichten Nebel auf einem bodenlosen Meere, womit man den Talmud verglichen, schwer lastet, liegt vorzüglich darin, daß er bisher noch viel zu wenig vom historischen Gesichtspunkte beurrheilt und erklärt wurde. Die große Menge von Sagen, Geschichten, Legenden, Sprüchen und DolkSmeiuungen, die der Talmud enthält, bieten oft eine überraschende Aehnlichkeit mit denselben Geistesprodukten der damals herrschenden Nationen, und finden erst dadurch oft ihre Erklärung, wenn man sie mit jenen vergleicht. Auch hier gilt das Wort: Wer den Dichter will verstehen, muß in Dichter- Lande gehen. Selbst die geschichtlichen Nachrichten im Talmud tragen daS Gepräge der Sage an fich, wie dies im Geiste deS Orients liegt, «d find meist aus dem Munde deS Volles entnommen. Seit der Zerstörung Jerusalems und Bethers feierte der Griffel der Geschichte und die Redaktoren der Talmuden haben außer dem dürftigen Seder Olam und dergleichen dürren Skizzen, bloS aus mündlichen Ueberlieferungen ihre Nachrichten geschöpft. Darum so viele Anachronismen, so viele Widersprüche, so viele Unwahrscheinlichkeiten, mit dem der Forscher hier stets zu kämpfen hat. „Wenn der Mensch," sagt Göthe, „daran denken soll, von Ereignissen, die ihn zunächst betreffen, künftigen Geschlechtern Nachricht zu hinterlassen, so gehört dazu ein gewisses Behagen an der Gegenwart, ein Gefühl von dem hohen Werthe derselben." Auch der Talmud entschuldigt den Mangel an Geschichtswerken jener Periode damit, daß man nie zu Ende kommen würde, wenn man die Leidensgeschichte Israels aufzeichnen wollte. (S. Sabbat. 13 b. Megilat Taanit. 12: ns pana ir« isdn Fnrr 12« y« äirob i:«a. o«o Fra bä« ,rwi2tFs .■jtp^aoTa) Durch Vergleichungen aber und Parallelen mit den Schriften und Werken des Alterthums wird vieles Dunkle erhellt und in's klare Licht gesetzt. Ein vergleichendes Studium des Talmuds mit den Alten dürfte eine reichliche Ausbeute liefern, wozu wir nun eine kleine Probe bieten wollten. AotoninuS befand fich in einer finanziellen KrifiS und sendete an seinen Freund R. Jehuda einen Boten mit der Anfrage: waS soll ich thun um die leeren Staatskassen wieder zu füllen und aufzuhelfen? R. Jehuda lud den Abgesandten des Kaisers ein, mit ihm in den Garten zu gehen. Als fie im Garten waren, riß R. Jehuda aus einem Beete die großen Rettige auS und setzte junge ein, und beschäftigte fich auf diese Weise mit den Küchengewachsen. Der Bote, der lange und vergebens auf eine Antwort gewartet, ersuchte nun R. Jehuda, daß er ihm einen Brief an den Kaiser mitgeben mochte. Allein er versetzte ihm, daß es nicht nöthig sei, da er schon die Antwort habe. Als nun der Bote zum Kaiser kam und dieser den Brief und die Antwort abverlangte, erzählte er ihm daS sonderbare Benehmen des R. Jehuda und dessen Verfahren im Garten, wo er ohne fich mit ihm weiter zu beschäftigen die größeren Pstanzen ausjatete und wiederum junge einsetzre. Antoninus jedoch errieth bald die Meinung seines weisen Freundes und befolgte auch feinen klugen Rath. Er setzte nämlich viele große Staatsbeamte, Prokuratoren und Prokonsuln, die mehr für ihren Säckel als für die Staatskassen bedacht waren, ab und fetzte neue ein, waS ihm ohnehin viel Geld einbrachte, weil die Besetzung der Stellen zu den bedeutendsten Einnahmen des Staates gehörte, (vide Midrasch Rabba Ab. 67.) — Diese Art der Korrespondenz und Unterhaltung mit einem römischen Imperator scheint wol sehr kurioS und um so mehr unwahrscheinlich zu sein. Allein vergleicht man damit folgende Erzählung des Herodot V. 92, b, so verlieren fich alle Schwierigkeiten. „Periander hatte fich nämlich bei Thrasybul durch einen Herold erkundigt, wie er die ficherste Einrichtung treffen möge, um seine Stadt aufs Beste zu verwalten. Thrasybul führte den Boten deS Periander vor die Stadt hinaus und in bebautes Feld, und unter dem, daß er durch die Saat ging, fragte er den Herold immer wieder von vorn über feine Sendung von Korinth, und riß zugleich jedeAehre, die er hervorragen sah, ab und warf fie weg, bis er die Saat, gerade wo fie am schönsten und reichlichsten stand, solchergestalt verdorben hatte. So ging er daS Feldstück durch, gab ihm kein Wort zum Rath und entließ den Herold wieder. Bei der Rückkunft des Herolds nach Korinth war Periander begierig, den Rath zu vernehmen; worauf derselbe erklärte, Thrasybul habe ihm keinen Rath gegeben, und er wunderte fich über ihn, daß er ihn zu