Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 2 (3.1.1853)
- Date
- 1853-01-03
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Nordamerika. Philadelphia, 1. Dezember. (Privatmitth.) Der Berichterstatter von hier findet die deutschen Israeliten in einem bedauernswerthen Zustande, und Alles, was nach seiner Ansicht sich über diese 70 bis 80 Gemeinden sagen läßt, ist, daß es einige Schulen giebt, „das Schulwesen hat aber noch keine glanzende Stuse erreicht, weder an Zahl der Institute, noch an Tüchtigkeit". Ferner weift der Berichterstatter nach, daß man die neuesten Werke gar schwer haben könne, weil Niemand lese; die deutschen Juden gehören der Mehrzahl nach der unwissendsten Klasse an. Betreff der Schttlen hätte der Berichterstatter wissen können, daß in Rew-Dork die Schulen nicht sehr schlecht sein können, da deren drei unter Leitung der Herren 00. Lilienthal, Raphael und Merzbacher stehen; dasselbe hatte er wissen können von Albany, wo die Schule von Herrn Or. Wise geleitet wird; von Baltimore, Kleveland, New-Orleans, Charleston rc. rc. WaS die Zahl der Institute betrifft, hatte der Berichterstatter cbensalls wissen sollen, daß seit Jahren keine Hazanstelle in einer Gemeinde vergeben wird, wenn derselbe nicht entweder Lehrer oder Prediger und Lehrer ist, ganz kleine Gemeinden ausgenommen. Betreff der neuen Werke, die man nicht haben könne, find wir geneigt zu glauben, der Berichterstatter meint solche Werke, die in China oder Japan erscheinen; denn alle in Europa erscheinenden Werke kann man in Philadelphia, New-Aork und in jeder andern großen Stadt zu jeder Zeit 20 Prozent theurer als in Leipzig, Berlin rc. haben; wir wissen, daß alle neueren deutschen Werke hier angekauft werden ohne außerordentliche Geldopfer. Betreff der kleinen Zahl des lesenden Publikums haben wir zu bemerken, daß Menschen, die in ein fremdes Land und meist ganz mittellos kommen, weder die Sprache noch den Gang des Geschäftes kennen, viel zu sehr mit äußeren mißlichen Verhältnissen zu kämpfen haben, als daß sie viele Stunden übrig haben sollten Etwas zu lesen. Das erste Bestreben eines Deutschen in Amerika ist, die englische Sprache zu erlernen; dann strebt er nach etwas politischen Kenntnissen, welche er abermals nur in englischen Zeitungen erlangen kann: und so wird der gebildetere Theil englisch in einer ganz kurzen Zeit. Man vergißt die deutsche Sprache sehr, und dazu noch die Gewohnheit englisch zu lesen, welches die deutsche Literatur sehr beeinträchtigt. Deutsche Werke muß man bestellen in einer Buchhandlung, englische find überall zu haben; deutsche Werke muß man kaufen, englische findet man genug in jeder Dorfbidliothek; deswegen wird auch viel mehr englisch als deutsch gelesen. Was aber haben unsere Gelehrten für die englisch-jüdische Literatur gethan? Di*. Raphael hat sich nach einem zweijährigen Aufenthalte in Amerika endlich entschlossen eine rwnn zu veröffentlichen. Dr. Lilienthal hat dermaleinst einige Artikel über Rußland geschrieben, seitdem aber hat er geschwiegen. Or. Wise verschwendet seine Zeit im Kampfe mit den Orthodoxen und schneidet sich dadurch den Weg zur literarischen Thätigkeit ab. Was soll also das Volk lesen? Vr. Raphaels etwa? oder Newmans Challenge accepted, worin die Missionäre auf die miserabelste Weise bekämpft werden? oder Henrys Clas5 book, der ein Buch schrieb, aber den großen Fehler machte, daß er nichts hinein schrieb? Wenn nur erst die hochweisen Herren etwas Tüchtiges leisten wollten, um faktisch zu erfahren, ob das Volk liest oder nicht. Ein faktischer Beweis, daß der Fehler in unseren Gelehrten ist, ist noch der; der^smonean hat, seitdem dieses Blatt eine liberale Tendenz verfolgt, einen bedeutend größern Lesezirkel gefunden, aber war bis jetzt nicht im Stande, die gelehrten Herren auS ihrem behaglichen Schlummer zu wecken. In Deutschland wird viel gelesen, weil dort viel geschrieben wirb; hier wird wenig gelesen, weil gar nichts geschrieben wird. *) Die Gemeinden in Amerika werden täglich mehr zahlreich; ebenso wachsen die kleinen Gemeinden zu großen heran. In Wohlthätigkeitsgesellschaften übertreffen wir Deutschland, in schönen Synagogen stehen wir Deutschland nicht nach; besonders prachtvoll sind drei Synagogen in New-Aork, eine in Charleston, eine in Philadelphia, eine in Albany und eine in New-OrleanS; unsere Schulen werden täglich mehr und tüchtiger; Prediger — gute Prediger — werden allenthalben gewünscht; die Reform schreitet langsam und sicher voran; Orgel hat man in einer Synagoge *) Wenn die Herren selbst gestehen, Nichts zu produzircn, warum übersetzen sie nicht gute deutsche Werke? Reda kt.