Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 114 (23.12.1837)
- Date
- 1837-12-23
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/3224737-3224738-3224853--00710-3299074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
454 und vermittelstCirculanon dieselben seinmGliedern mittheilt.*) Dem Vernehmen nach soll ein gleicher in Flaß> -im Obermainkreift, errichtet werden. Erfreuliche Beweise, wie sehr der Jude in unserm Vaterlande sich in jeder Beziehung immer mehr und mehr hebt, wie-gern er alle Mittel ergreift, um Bildung und Gesittung unter sich zu verbreiten. Belletristik. Eine Parabel * 9r. Michael Benedict Lessing. Auf dem Rücken eines hohen Granitfelsens, der mit seinem Gipfel alle andere im Gebirge überragte, stand seit uralten Zeiten eine große, feste und geräumige Burg mit Zinnen und Brücken und Mauern. Es hausete aber darin eine ftomme Familie, die abgeschiedm von den Bewohnern der ringsum liegenden Thal« und Städte nur d« Sorge für ihr Hauswesen lebte, und in den Ruhestunden dann d« Thaten und Lehren ihres großen Ahnherrn gedachte, die von Munde zu Munde gehmd, als »achahmensw«rhe Must« v«ehrt und anempfohlen wurden. Gar viele Menschenalt« hatten die Bewohner d« Burg einsam und zuftieden gelebt; da kchrten einst wandernde Kaufleute, die vom Wege abgeirrt waren, bei ihnen als Gaste ein und fandm eine fteundliche Aufnahme. Diese brachten nun bald manch«lei Waaren zum Vorschein, die sie zum Verkauf ausboten. Und sie priese» sie sehr und sagtm: sie kamen von einem gar weifen und gelehtten und in Erfindungen und Künsten schr erfahrenen Volke. In d« Familie ab« mochte kein« ihnen «was abfellschen, da Niemand von dm ihm bish« unbekanntm Zi«rathm und von dm Hilfsmitteln d« Bequemlichkeit einm Gebrauch zu machm verstand. Das verdroß die Kaufleute schr, und sie verspotteten die Burgleute, und nannten sie roh und unwissmd. Sie fandm ihre Wohnung veraltet und geschmacklos, die Mau«einhegung dem fteim Zutritte d« Lust hind«lich, die hohm Zinnen auf die'Gegend umh« die offene Aussicht raubend. Auch das Haugcrathe tadeltm sie, v«glichm die feinm und nmm Stoffe der Teppiche ihres Volkes mit dm verschossmm, farblofm in demBurgfaale, die gesticktm feidmm Vorhänge mit dm schwerfälligm *) Es liegt uns ein Correspondenzartikel aus diesem Städtchen, «o ungefähr 80 jüdische Familien wohnen, vor, allein da d« selbe erst in einiger Zeit gegeben w«den kann, so wollten wir diese Nachricht nicht vorenthalten. In diesem Städtchen wirkt der jüdische Lehr« Dessauer, d« durch sein chald. Lexikon erst vor Kurzem seine Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit erwiesen. Wir werden hierauf zurückkommen. D. Redact. wollenen Lakm, die prächtigen, gold verbrämten Polster mit den hölzernen Schemeln der ftommm Familie. Und siehe — da gingen vielen Einwohnern des Felsenschlosses die Augen auf, und sie erkannten, wie thörig es sei, dm Nachbarn an Einsicht und Reichrhum nachzustehen, und wie viel besser ein behagliches und v«gnügtes Leben. Sie stimmten den ftemdm Kausteutcn bei, nahmen ihnen vielerlei Waaren ab, und ließe» sie mit schönen Geschenken von dannm ziehm. Dann aber fandm sie ihren bish«igen Auftnthalt nicht mehr für angemessm, nicht gesund und bequem gmug, und sie gingen damit um, eine nme und ihrm vcrfeinettm Bedürfnissen schickliche Wohnung zu bäum, ftei und luftig, so daß sie die Mauem und Zinnen der Burg überragm sollte. Die ältem Familimhäupt« ab« ri«hen davon ab, und empfahlen, ihnen die Lebmsweise d« Var«, und rühmtm die Sich«heit d« Mauern gegm feindliche Einfälle, und die Ruhe und Iuftiedmheit, die sie ftüh« genossen hattm, ehe sie Genüsse und Bequ'emlichkeitm kanntm. Doch die baulustigm Jünglinge ließm sich nicht a*-halten, und bald «hob sich unt« ihr« Hände Fleiß auf dem Dache d« Burg ein nmes Stockwerk,' reich geschmückt mit Bildhau«arbeit und mit neum hellm Farbm. gemalt. Obm darauf bauten sie einm Thurm, d« bis in die Wolkm mit seiner Spitze hineinragre, und damit das ganze Gebäude noch mehr Festigkeit habm sollte, fällten sie die stärksten d« Baume des nahm Waldes, und stützten damit die Seiten. Jnnm ab« waren die Wände zierlich getäfelt, prächtige Polst« und Teppiche bedecktm dm Fußbodm und duftende Blummbeete verbreitetm allmthalbm süße Wohlgerüche. — Wie das nun die Greise sahen, zümtm sie darob sehr und schalten die Auftühr« und Abtrünnigm und verbannten sie für imm« aus dem Schooße der Familie und aus der untern'Burg. Und wird« vergingm viele Jahrhunderte. Unterdessen hatte d« nagmde Zahn der Zeit die einst so «habene, stolze Burg gar sehr umgewandelt. Die hohm Zinnm warm eingestürzt, die Brücken morsch und unwegsam, im Gcmäu« klafften all« Artm ungeheure Risse und Spaltm, die jedem Sturmwind fteim Durchgang gestattetm, und durch die Oeffnungm d« Wände und des Daches strömtm Regmgüsse h«ab. Daselbst hattm düstere Uhus und Nachtvögel sich eingmistet, und wuchemde Schlingpflanzm v«breitetm üb«all ein melancholisches Dunkel. Die ganze Burg war eine Ruine gewordm, großattig und ehrwürdig, ab« still und verödet. Dmnoch war sie bewohntt und wie in grau« Vorzeit, so haustm daselbst auch jetzt noch die Nachkommm der ftommm Familie. Sie hattm Qualm und Ungemach geduldig hingmommen, hatten Sturm und Wett« und Uhugckrächz mit Ruhe «ttagm, und dm Hohn ihr« höh« wohnenden Nachbarn nur durch inner» Stolz