Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 68 (7.6.1838)
- Date
- 1838-06-07
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224925--01073-3299063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
275 Wahl, und zu beiden von diesem, stehen einem Jeden, nach eigenem Gutachten der Weg offen *). Die Hauptpflicht sek, dies Gesetz zu beobachten, und tugendhaft ist es, selbst die an Weisheit zu übertreffen, die uns unterwiesen **). Die Fortdauer der Seele und die Belohnungen und Bestrafungen in einer andern Welt nehmen sie nicht an. Diese Secte war nicht zahlreich, meistentheils gehörten Vornehme zu ihr, doch mußten selbst sadducaische Machthaber sich pharisäischen Bestimmungen fügen, wenn sie die Volksgunst erlangen wollten. Ihre Sitten waren weniger verfeinert und ihr Betragen gegen einander nicht "freundlich, wahrend die Pharisäer sich für einhellige Gesinnungen zum Besten des Gemeinwohls beeiferten. Entfernt aber von allen Staatsgesckaften blieben die Es sä er (Essener). Ihrer Abstammung nach, erzählt Josephus, sind sie Juden, zeichnen sich aber durch innigeBruderliebe vor allen andern aus. Sinnliche Vergnügungen verabscheuen sie wie die Sünde; Enthaltsamkeit hingegen und Beherrschung der Leidenschaften halten sie für die erste Tugend. Die Ehe schätzen sie geringe; fremde Kinder hingegen nehmen sie auf, so lange sie noch in dem zarten Alter sind, das jeden Unterricht annimmt, sehen sie als ihre Verwandte an und geben ihnen das Gepräge ihrer Sitten. Diese Geringschätzung hat indessen nicht die Absicht, die Ehe und die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes dadurch abzuschaffen; sie wollen sich dadurch nur sichern vor den zügellosen Begierden der Weiber, indem sie sich überzeugt halten, daß keiner von denselben, das ihrem, einem Gatten gegebene Versprechen der ehelichen Treue zu halten vermöge Auch verachten sie den Reichthum und es findet eine bewundernswürdige Gemeinschaft der Güter bei ihnen Statt; man findet keinen bei ihnen, den ein größerer Besitz auszeichnete. Denn es ist Otdensstatut, daß alle, die in ihren Orden treten wollen, ihre Habe der Gesellschaft zum Eigenthum überlassen; daher sieht man bei allen, weder niedrige Armuth, noch glänzenden Reichthum, vielmehr, durch die genaue Vereinigung, der Güter, nur einen Besitz, wie unter lauter Brüdem. Reinlichkeit im Aeußern halten-sie für eine Ehre, sie gehen daher beständig in weißen Kleidern. Die Verwalter des gemeinschaftlichen Vermögens werden gewählt; *) Jüd. Kr. II. 8, 14. ") Alterth. 18, 1. 4. j plinius hist. rät. V, 17. gens sola et in toto orbe praeter ceteras mira, sine ulla foeinina, omni Venere abdicata. In diem ex aequo convenarum turba renascitur, large frequentantibus, quos vita fessos ad inores eorum fortunae liuctus agitat. Ita per saeculorum millia (! incredibile di et n) gens aeterna est, in qua nemo nascitur Vgl. hier und über daS Folgende. Pliilo, qiiod Omnis probus liber p. 176. D. 877 ff. ohne Unterschied muß sich auch ein Jeder zu den Geschäften für alle willig finden lassen. Die Secte hat keine bestimmte Stadt zum Wohnsitze; in jeder Stadt wohnen viele Mitglieder derselben. Ordensbrüdern, die anderswo Herkommen, steht der Zutritt zu dem, was diese haben, eben so frei, als zu ihrem Eigenthume, und sie gehen zu denen, welche sie vorher nicht gesehen haben, als wenn es ihre vertrauten Freunde waren. Auf ihren Reisen versehen sie sich daher mit gar nichts, außer mit Waffen, wegen der Straßenräuber. In jeder Stadt wird aus den Mitgliedern ein gewisser ernannt, der für Fremde Kleider und andere Bedürfnisse in Verwahrung hat. Ihre Kleidung und das äußere Ansehen ihres Körpers gleicht ganz den Knaben, die unter der Zuchtruthe der Lehrmeister stehen; weder Kleider noch Schuhe, wechseln sie eher, als bis die vorigen ganz zerrissen, oder durch die Zeit abgenutzt sind. Weder Kauf noch Verkauf irgend einer Sache findet bei ihnen Statt; ein jeder gibt dem Dürftigen von dem Seinigen und empfangt wieder von Jenem, was er brauchen kann; doch auch ohne Wiedergabe ist's ihnen unverwehrt, anzunehmen, von wem sie wollen. Ihre ehrerbietige Gesinnung gegen die Gottheit ist musterhaft; vor dem Aufgange der Sonne kommt kein unheitiges Wort über ihre Lippen, sondern sie richten gewisse Gebete, nach Art ihrer Vorfahren, an die Sonne, gleichsam, als wenn sie dieselbe hin an den Horizont erflehen wollten. Darauf entlassen die Vorsteher einen Jeden zur Betreibung der Kunst, die er kennt, und nach einer ununterbrochenen Arbeit, bis zur'fünften Stunde, versammeln siesich wieder an einem Ort, umschürzen sich mit einem leinenen Schurztuch, und baden sich ihren Körper im kalten Wasser. Nach dieser Reinigung geht jeder hin nach dem der Gesellschaft gehörigen Hause, wohin keinem, der nicht zur Secte gehört, der Zutritt erlaubt ist. Gereinigt gehen sie nach dem Speisesaal, wie zu einem heiligen Tempel. Haben sie sich nun in alter Stille niedergesetzt, so legt der Bäcker einem Jedennach der Reihe Brot vor, und der Koch setzt einem Jeden ein Gefäß mit einerlei Gemüse hin. Der Priester betet vor dem Essen, und keiner darf vor dem'Gebete etwas kosten; nach vollendeter Mahlzeit betet er abermals. Sowol wenn sie anfangen, als wenn sie aufhören zu essen, verehren sie Gott als den Geber der Nahrungsmittel. Darauf legen sie ihre Kleider, gleichsam als Heiligthümer, ab, und begeben sich wieder hin zu ihrer Arbeit, bis zur Abenddämmerung. Dann kehren sie wieder dahin und speisen zu Abend, auf eben die Weise; sind eben Fremde zu ihnen gekommen, so setzen sich diese mit ihnen zu Tische. Nie entweihet.Geschrei oder! Gelärme das Haus; einer laßt den andern reden, wenn ihn