Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 110 (14.12.1837)
- Date
- 1837-12-14
- Page
- Seite 439 (sequence 3)
- Language
- German
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Lebenskeim, dessen Säfte ihn durchdringen, unsterblich und unvergänglich, wie, das Judenvolk selbst, das nicht allein von seinen Früchten zehrte, sondern auch seine Absenker in verschiedenen Boden pflanzte oder seine Reiser auf andere Stämme pfropfte.— Aber es bedurfte, um dieses Baumes Früchte zu bewahren, seinen Ursprung zu bewahrheiten,- einer zweiten Entwickelung, das ist Israels Geschichte in ihrem ganzen Umfang, Jsrael's historischer Existenz, und diese Existenz bedurfte wiederum des Gesetzes, der Institution, der äußeren Form. Dies erkannte schon der große Mann, der Lehrer und Gesetzgeber zugleich war, und er verband die Lehre mit dem Gesetze, beide in offenbarter Religion begründend. Er hüllte das Wesen in die Form, die er mit dem neuen politischen Leben des Volkes in einem neu zu erobernden Lande und der Ge- . schichte dieses Volkes verband. Seine Institutionen waren nicht alle für die Ewigkeit,' denn er wußte cs - ja selbst und sagte cs voraus, daß der Staat nicht ewig dauern würde, daß die Theokratie politisch aufhörm, aber im Volke 'und Glauben nicht untergehctt würde, daß daher die auf die Geschichte und den monotheistischen Glauben Israels bezüglichen Institute, in Israel ewige, heilige Gesetze bleiben müßten. Diese, wie Sabbath, Passah, Versöhnungstag u.s.f. aus dem Leben Israels hcrausrcißen wollen, hieße das ,historische Leben der Nation selbst zerreißen. Aber auch hier läßt Moses noch freie Entwicklung zu, er ist nur mikrologisch, wo cs auf Palästinas lokale Institutionen ankommt, nur da, wo sich die Institute an andere, dem Heidenthum ähnliche, anlehnen. Denn von der Einwirkung des Hei denth ums blieb Israel nicht frei. Jenes überwältigte die äußere Manifestation des isracl. Lebens, den Staat, cs zerstörte ihn und seine Institutionen, es suchte auch den innersten Lebenskeim der Religion schon ftüh anzugreifen, aber hier lief cs gegen den Plan der Vorsehung mit Israel — die Hochwächter der Nation, die Propheten, denen selbst ein König wie David angehörte, bewahrtm nicht allein jenen Kern, sondern sie waren er auch, welche jene erste Entwickelung desselbm, das Wort Gottes, am vorzüglichsten pflegten, so daß dem prophetischen Wort die gediegensten Früchte gehörten. Als aber im babylonischen Exil und nach der exilifchen Zeit die Berührung Israels mit dm andern Völkern immer größer wurde, als es sich endlich politisch gänzlich auflösete, war zwar der Monotheismus gesichert, aber der Einfluß des Heidmthums wurde um so stärker und es kämm eine Mmge cxoterischer Idem unter'sVolk, welche auch auf die Schriftgelehrten bedmtmd einwirktm, die vermöge ihrer Bildung am meisim von fremden Früchten genossen hatten. Und gerade diese Schriftgclehrtcn rühmten sich, an die Stelle der Propheten getreten zu sein, gerade sie übernahmen das Amt, eine neue Hülle für die Religionswahrheiten Israels zu schaffen. Das, was sie gcfchaffm, wurde das Glück und das Unglück Israels. Früher lebte Israel in Kanaan, jetzt wurde Kanaan in Israel gelegt, sie umgaben es vom Norden mit dem Libanon kalter Satzungen, umringten cs vom Süden mit der wüsten Steppe eines glühenden, fanatischen Egoismus, gm Osten mit der Jordansfluth einer strömenden Gelehrsamkeit, durch die nur einzelne Fürthen zum Morgenlands führten. Aber gen Abend schäumte und brauste das Weltmeer, hier blieb die offene Stelle, von hier aus wurde die Nation in die fremde römisch-germanische Welt geworfen, hier hatte sie den furchtbaren Kampf mit Europa und dem Fanatismus zweier neuer aus ihrem Schooß entstandener Religionen zu bestehen. Die Mittel, diesen Kampf zu bestehen, waren ihnen von jenen Schriftgelchrten, die sich zu Lehrern der Nation aufgeworfen hatten und ihren Satzungen, gleich denen des Moses, göttlichm Ursprung vindicicten, mitgegebm. Sie hatten, wie ich mich ausdrückte, Palästina in Israel gelegt, sie machten jedes jüdische Wohnhaus zu einem Palästina. Jedes jüdische Haus war in seiner Kindercrzichung, in seiner Wirthschast, in seinen Festen, in seinen Freuden und Leiden eine abgeschlossene Welt. Die Nation, feindlich berührt von der römisch-germanischen Welt, öffnete nirgends einen Zugang der exoterischen Bildung, — die auch an sich im Mittelalter nicht sehr glänzend war, — nur, wo der Halbmond siegte, drang arabische Scholasticität in jüdisch - rabbinische Theologie. Diese wurde zur die Masse durchdringenden Nationalgelehrsamkeit. So wird cs klar, daß jene rabbinksch-rheologischc Entwickelung des Judenthums dessen Glück und Unglück wurde; ein Glück für seine allgemeine Erhaltung, für seine historische Existenz, auch gewissermaßen für seinen Glauben, insofem die Mikrologie der Rabbincn keine fremde Influenz versicherte, ein Unglück, indem Israel hierdurch von dem Kreise germanischer Bildung zu lange ausgeschlossen blieb, indem ein Jahttausend hindurch die religiöse Entwickelung fast stagnirte. So sind wir geworden., was wir sind. Du siehst und weißt es selbst, klagender Mann, wie wir es geworden, und dennoch lässest du dich von einem Momente des Unmuths hinreißm, und klagst diese große Zeit an, wo Israels Religion und Verhälmisse eine neue Entwickelung erleiden, an denen die Reformatoren, wie du sie nennst, nur einen kleinen Theil haberu. (Schluß folgt.)