Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-11-18 · Heft 99 (18.11.1837) · p. Seite 394

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 99 (18.11.1837)
Date
1837-11-18
Page
Seite 394 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3224738-3224838--00635-3298972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

894 Belletristik. Die Erbbibel. (» Aus dem Französischen der Eugenik Foa. 1. Am äußersten Ende der Straße I» kepiniere zu Paris, Himer den elysäischen Feldern, konnte leicht dem Vorübergehenden ein Haus von sonderbarem Ansehn, zwischen Hof und Garten gelegen, auffallen; die stets verschlossene Thüre, die Pflanzen, welche ungestört längs der Mauern.wucherten, Alles hätte ein unbewohntes (gebaute verrathen, wenn nicht in jeder Woche am Abend des Freitags und am Sonnabend plötzlich, wie durch Zauber, hinter den dem Stillschweigen geweiheten Mauem, religiöse Gesänge, einfach aber tief ergreifend im Chore vorgetragen, sich erhoben, und durch die Oede tönten. Es war am 22. Mar 1820, als zwei Bäuerinnen von Fontmayaux-Roses, mit großen Körben auf dem Kopfe, früh morgens au die Thüre dieses Hauses klopften. »Madame erwattet Euch,« sprach der alte Haushofmeister gu,dm..Bäuerinncn, nachdem er ihren Gruß mit vertrautem ^Kvpftncken erwiedert, und eine ihrer Rosen in ein Knopfloch ^LestechtWrtte. D^beiden Mädchen wandten sich nach dem Hause, durch- ^sthrÄten den geräumigen Hof, welchen hohe Lindm beschattetm, ttaten dann in eine Halle ein, und ^gingen auf eine offene Flügelthüre zu. Diejenige der beiden Landmadchen, welche dieser Thüre zunächst war, warf einen Blick in das Innere des Zimmers,, und was sie hier sah, mochte sie ohne Zweifel einschüchtem, denn sie machte ihrer Gefährtin ein Zeichen, worauf beide einen Augenblick unbeweglich und erwartungsvoll an der Schwelle stehen blieben, die sie nicht zu überschreiten wagten. Vor einer Tafel, die ein reicher türkischer Teppich bedeckte, und über welcher eine goldene Lampe mit ,sieben Armen an einer Kette von demselben Metall von der Decke des Zimmers herabhing, stand Madame Mazod, ganz in Schwarz gekleidet, ein Buch in der 'Hand, und schien mit Inbrunst zu betm; Thränen rollten langsam über ihre blassen Wangen; auf ihrer welken Stirn las man die Leiden des Herzens eher als die Zahl der Jahre; sie schwankte, indem sie betete, hin und her, und dieses Schwanken hatte so viel Trauriges an sich, daß die Seele davon ergriffen ward. (() Die folgende, zarte Novelle ist dem Augusthefte des Journal des Demoiselles entlehnt. Die Ueberschrift ist Paques - de-Roses, und ist das Schwuothfest darunter verstanden, mit Bezug auf dir alre Sitte, an diesem Tage die Synagogen und Thora's mit Bkumenguirlanden zu zieren. Wir haben aber eine Ueberschrift 'gewählt, die dem Inhalte wesentlicher angepaßt ist. D. Redact. Der Luftzug mußte ihr dm Geruch der Rosen zugettagen habm, sie hob das Haupt empor, bemerkte die beidm Bäuerinnen, und indem sie ihre Lippen zu lächeln zwang, sprach sie mit einer Stimme, derm Klang etwas verhüllt war: SGuten Morgen, meine Kinder; kommt näher, setzet eure Körbe hier nieder, dann geht in die Küche, und lasset Euch eine Erftischung reichen.« Die beidm Bäuerinnen mtferntm sich, nachdem sie die Herrin mit Ehrfurcht begrüßt hatten. In diesem Augmblkck hüpfte ein niedliches Mädchm von sechs Iahrm herbei, ftisch und rosig wie die Blumen, vor boten es jubelnd stehen blieb. »Was für Rosm, liebe Mutter!« rief es aus, und streckte die kleine Hand aus, welche zu nehmen; »ist dmn heute Festtag?« »Ja, es ist das Wochmfest.« *) »Ach.!« sprach das Kind, als oft-es über die Bedeutung dieses Wortes nachdächte. »Heute Abmd, liebe Sel la,« sagte Mad. Mazod, schloß ihre Tochter in die Arme, und umarmte sie zärtlich. »Es ist das Blüthenfest, der Herr hat so schöne geschaffm, daß man ihm . dafür dankm muß . . . Deine Schwestern wollm die Kränze um die Lampe und Leuchter winden.« »Ich will auch Kränze winden, nicht wahr, Mutter?« »Du wirst es' nicht verstehm. Kleine.« »Ich will aber auch arbeitm,« sagte Sella; »Eliz h ama hat mir gesagt, daß dies eines der hohm Feste ist, an benot die schöne Bibel aus dem vergoldeten Schranke kömmt.« »Deine Schwestern werden Dir die aufgeblühtesien Rosen gebm, die Du auspflücken kannst, um sie auf die Teppiche, auf die Tafel und. auf Dein kleines Bett zu streum.« »Und auf das Deinige, liebe Mutter?« »Seit Dein Vater todt ist, kommm keine Rosm auf mein Bett, mein Kind.« »Aber auf das Bett Elizhamas, und Jfabellms und Gedida's.« »Ja, mein Kind.« »Und auch auf die Wiege Ammiels?« »Auch auf die Wiege Ammiels.« »Und dann auf das Bett meines ältesten Bruders Zakson?« ftug Sella weiter. »Auch auf das Bett Deines ältesten Bruders Zakson,« erwiedette die Mutter mit einem so schmerzlichen Tone, daß das Kind sie mit Erstaunm bettachtete. \ Um ihre Thränen zu verbergen, die sich schon cyrs ihrm Augen drängtm, setzte Mad. Mazod ihr K^nd auf den Boden nieder, und gebot ihr, ihre Schwestern zu holen. *) Pfingsten, sieben Wochen nach Ostern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.