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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-10-03 · Heft 79 (3.10.1837) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 79 (3.10.1837)
Date
1837-10-03
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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315 lo ammil Dies war das Wortzeichen der in Spanien zer-! streueten Marannen, die' zwar äußerlich das Christenthum! angenommen hattm, aber im Herzen ihren alten Glauben 1 bewahrten und bei dunkler Nacht ihre Versammlungen in Höhlen und alten Gemäuern tagten, um die Verbindung unter sich aufrecht zu halten. So eben hatten sie das Frühgebet vollendet. Der älteste nahete sich Jehudah. »Don Abarbanel,« begann er, »Ihr befindet Euch unter Brüdern. Wir haben Euch von Gefangenschaft und sicherem Tod gerettet. Ihr seid der Einzige Eurer Familie, der noch auf spanischem Boden steht. Euer Vater hat glücklich Italien erreicht. Um uns hier im Glauben zu erhalten, bedürfen wir der kräftigen Jugend. Ihr werdet in Spanien bleiben, Ihr werdet Eure Brüder nicht verlassen. Doch bevor ihr entscheidet, bleihet heute unter uns, wir feiern das Fest des belagerten Tempels.« Feierliche Stimmung herrschte in der Versammlung. Einzelne traten hervor und erzählten vom Schicksale ihrer Brüder in den einzelnen Städten. Büchsen wurden herumgetragen und Gelder eingesammelt für Kranke, Unglückliche, Verarmte. Auch Knaben waren da, die den Bund beschworen und erneuen mußten. Ein Franziskanermönch war besonders thälig, er war Mitglied der Inquisition, nur um seine Macht zur Rettung feiner geheimen Genossen anzuwenden. Besonders gern pflegten die Marannen das Mönchsthum anzunehmen, weil sie in der einsamen Zelle am ungestörtesten sich dem -israelitischen Leben zu widmen vermochten. Dann stellte man sich wieder zusammen und betete und weinte, so daß die Seufzer die kalten Felfenwände hätten erweichen mögen. In Jehudah's Seele stürmten mächtige Gefühle. Er betrauerte diese Verborgenheit, diese Heimlichkeit, aber er suhlte sich zu den Unglücksgenofsen hingezogen. Er wurde einer der Ihren, und beschloß den Namen Leon anzunehmen. Das ist der Leo Hebraeus, der die Liebe gesungen und das Leid des Lebens. Als die Nacht wieder anbrach, wurden alle durch einen andern Ausgang der Höhle entlassen, die in ein Thal führte, aus welchem des Weges Kundige sie truppweise entfernten. Der Neumondstag war zu einet neuen SSerfammlung bestimmt. (Schluß folgt.) Miszelle. Jn-Knebel's literar. Nachlaß. II. S.3. schreibt Boie unterm 30. December 1771 an Knebel: »Sie haben Recht, die jüdische Nation verspricht viel, wenn sie einmal erwacht.« £tte?atu?» Gesänge aus der Verbannung, welche sang Obadiah den Amos im Lande Ham. Aufs Reue herausgeaeben von vr. Stein h eim. Frankfurt a. M. 1837. 8. 92 und XV S. Als Dr. Stein heim vor acht Zähren diese Gedichte zum erstenmal herauögab, war er der Erste, der, und noch dazu in solchen Versen, als Jude in der deutschen literarischen Welt auftrat, und sich nicht scheute, alle die gigantischen Gefühle, die je eines Juden Herz durchdra'ngen, offen darzulegen *). Den Schmerz der Unterdrückten, die Sehnsucht der Ausgetricbcnen, die Erinnerungen der Verwaisten, hatten mehrere auch nicht jüdische Schriftsteller, hatte namentlich Byron mit rothglühcndem Srahlgriffrl geschildert, aber hier war der innere Stamm- und Glaubcnsstolz, das übergeschichtliche Bewußtsein, die Lcbcnsrolle der Außenwelt, unbekannte Pricsterberufsfreude, die flammenumarmcnde Hingebung neben der glühenden Liebe zu dem engeren Kreis, die Verachtung prahlender Verfolger, und endlich die seligkeitsströmende Begeisterung für die verheißne und .schon überall aus der Dämmerung tretende Messiaszeit auf eine Weise der Welt gezeigt, die überraschen und — die Betheiligten wenigstens — mit sich fortreißen mußte, so sehr war in dem kleinen Werkchen eine ganz neue mit der damaligen Epoche aufs Höchste contrastirende Weltanschauung niedergelegt, eine Emavcipation des innersten jüdischen Lebens. Und diese ist auch erfolgt! War Stcinheim ein erster Antrieb oder blos ein treues Organ, genug, das Judcnthum, welches bis dahin sich 'blos vor dem Richterstuhl des farblosen, dunkclvollen Cosrnopolitismus zu legitimiren, und seine übcrzeitige Eristcnz zu entschuldigen sucht, höchstens einmal zwischen vier Wänden in irgend einer Festpredigt sein anch’ io sono pitiore hatte ertönen lassen, fing an auf seinen entfesselten Füßen zu wandeln. Die bürgerliche Gleichstellung ward nicht mehr als eine Gnade und in dem Zon eines bemutyigen Defensors erbettelt, sonder» als . ein lange vorenthaltenes Recht verlangt; die jüdische Religion, als eine mit der ganzen Weltgeschichte erwachsene und sie überragende Realität, die Wissenschaft und geistige Lhätigkeit der Vorfahren als eine in Theologie, Sprachkunde und ganz besondcrs in Poesie höchst ftuchtreiche Erscheinung-, und die israelitische, sich mit den neueren Formen mehr oder minder ausglcichende Philosophie als eine jeder anderen mindestens ebenbürtige anerkannt und immer mehr empfohlen. So in der Prosa. In der Poesie ist minder Erfreuliches zu berichten. Rur wenige Dichter bauten das so überreiche, ja vor ungeordneter Vollsaftigkeit zahlreiche Unkräuter treibende Feld israelitischer Zeitpocsie an. War es Unkenntniß, war es Ungcschmack, war es Kriecherei und Furcht, genug in dem ganzen Zeitraum schwieg, wenn wir einige Stein'sche Gesänge ausnehmen, die deutsch-jüdische'Muse fast gänzlich, und wo sie sich noch hören ließ, da war es entweder, um urqlte Zustände zu schildern, oder, wie fast durchgehcnds kn den religiösen Gesangbüchern, um alle edle stolze Eigmthumlichkeit dem nivellirenden »Schwert der Mode« preiszugebcn, und die Erzeugnisse einer beispiellosen Geifierhistorie mit dem Zuckerguß der fadesten Kindecftubenmoral zu überkandiren. So blieb, beispiellos, Kampf, Liebe und Begeisterung ohne Sänger und ohne Lied, statt, daß jeder Israelit dem Propheten hätte nachempfinden sollen: »Ein Löwe brüllt; wer fürchtet sich nicht! Gott redet: wer. weissagt nicht!« Als Gegensatz erzeugre sich nun aber einerseits, bei glühenden Seelen, die der geistlosen Gegenwart die kernige Vergangenheit verzogen, (leider sogar bei Delitzsch) eine Ueberfchätzung dunkler Prutim, ein Geschmack, der die Psalmen , fände man sie erst jetzt auf, gewiß für unächt, modern, subjectiv, u. s. f. erklärt hätte; und andererseits bei Egoisten, die im Innersten der Seele unwahre Stimmung des Doktor Joel Jakoby, der uns Juden weiß machen will, wir wären eigentlich schon Christen und anerkennten die Kirche, die Versöhnungslehre, die Verwerfung Israels, vielleicht für die Supre- *} Zwar hat Dr. Striohekm selbst 1623 seine größere Evovoe: Sinai, von solche« poetischen Werthe heransgegebe», allein diese bervegt sich nur in den Urzeiten und berührt daher das Leben der Gegenwart nur invirecc. Anm. d. Siecens.

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