Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 75 (23.9.1837)
- Date
- 1837-09-23
- Page
- Seite 299 (sequence 3)
- Language
- German
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Und die Werkzeuge des Culrus, wie müssen die nicht; herhalten? Esrog bei Schwangeren, - Lulab gegm Feuer, Afikoman gegen Wasser, Habdalah - Wein für Glück im Handel u. f. w.l Ich schweige noch über die abergläubischen Formen, die ganz nach der Religion durch unerlaubte Zeugung verwandt, ein ganzes System kabbalistischer Pneumatologieen bilden und beim,Schofor, Kapparah, Duchan, besonders aber bei Stcrbefallen zum Vorschein kommen. Und haben die modernen Juden sich etwa sin gemacht von solchem Wust? O nein, die Sanktion der Talmudisten zu allen jenen Thocboch, die verlachen sie zwar; behalten sie aber fast alle aus Gemächlichkeit privatim bei, vermehrt mit dem Abhub christlichen Aberglaubens, mit dem Wiedersehen auf den Sternen, mit der Hoffnung des Milsingens im Chor der Engel (in allen unfern deutschen Gesangbüchern sehr erbaulich und rührend zu lesen), mit der Scheu selbdreizehn zu speisen u. si w. Wo sind nun aber die Eiferer gegen all solches Heidcnthum? So Viele sehen wir bemüht, den Chasanim zu ihrer alten Stellung zu verhelfen, damit jedes ihrer Worte deutlich verstanden werde: warum denn nicht auch die Worte der Ne bi im? Seid es überzeugt, ihr Herren Reformatoren, wmn ihr nicht den letzteren, den Propheten, diesen sorgsam spähenden Hochwächtern der reinen israelitischen Gottesideen, wieder volles Gehör verschafft, so werden eure Cultusreformen nie anders wirksam sein, als in der Synagoge mit Hülfe der Polizei. »Hilft es nicht, so schadet es nicht!« Dieser verderbliche Grundsatz ist es, der dem Aberglauben so sehr emporgeholfen hat, und der ihn noch erhalt in Israel. Müßte nicht sonst Jeder, der eine Stimme und ein Amt hat, mit edler Intoleranz aufstehen und sagen: Wer mir vollem Bewußtsein sich dieser oder jener abergläubischen Praktik ergibt, wer eines von jenen Dingen begeht, befördert oder lehrt, den erkennen wir für keinen Juden mehr? Aber wie: es schadete nicht? Es schadet allerdings. Es schilt unsre ganze Geschichte, unsere ganze Existenz eine Lüge; denn wenn wir Juden nicht dastehen in der europäischen Welt als strenge, unerbittliche Verfechter, als hartnäckige Puritaner des unverfälschten Glaubens und Jehova-Monotheismus, der keine Theilhaber und keine Vermittler zuläßt, (Ln Leben! — lehachbirah heißt es im Adern — Olam nicht umsonst,) und nur die Gottheit anerkennt in directer Beziehung und Einwirkung auf das Universum und auf die Menschm, und wenn wir Kinder dieser Zeit zumal nicht weit strenger noch den Kem wahrm als unsere Vorgänger, eben weil wir weniger auf die Schale halten: — so sind wir nichts, gar nichts, und haben nicht einmal das Recht, von unfern Kindem zu verlangen, daß sie mit so hoher Resignation umer Schmach, Zurücksetzung und Entbehrung bei einem System ausharren, das so wenig rein ist als irgend ein gegenüberstehendes, denn »Wenn schon nicht Jude, (wahrer reiner Jude nämlich,) dürften sie nur fragen. Warum nicht-Muselmann?« Traurig sieht es aber bei uns mit dem Eliaskampfe aus? Schiffe voll Schriften hat uns die alte Berlinische Schule, deren Aufgabe Grammatik, Poetik, Logik war, hinterlassen: ganze Bibliotheken fördett die jetzige (baicrifche) Schule — ein dem Labyrinth entstammter Ikarus, der leicht der Sonne zu nahe fliegt, und deshalb das Wasser in mehr als einem Sinne zu fürchten hat, — die mehr an Historie, Archäologie, Kritik sich hält, zu Tage; in Predigten, Lehrbüchern, Andachtsbüchern, Polemik, Katechismen, Agenden, Uebersetzungen, — Gott weiß was Alles: — aber gegen den eigentlichsten Feind der jüdischen Religion, gegen den Aberglauben, den wir in Ur-Kasdim, in Egypten schon zu bekämpfen berufen waren, wird nur beiläufig, etwa von der Kanzel herab, einmal ein ironisches Witzchen losgelassen. Und da meint ihr, sollen wir Laien geduldig watten mit unfern Söhnen und Töchtern, und höflich schweigen, da wir im Bewußtsein hoher Ueberlegenheit dreist austrtten könnten (von unserm Standpunkt hemmt uns ja nimmer selbst das Paar häckeliger Bibelstellev) und die ganze Welt herausfordern auf ein aut — aut? Warum? Was meint ihr, soll uns fesseln? Was fesselt euch, ihr Koryphäen? Von vielen, vielleicht minder lautern Gründen, will ich nur den achtungswürdigsten, den der Pietät erwähnen. Die Schaam des Vaters soll nicht entblößt werden, des Vaters, der gestandlich aus Babel das gefährliche Götzenthum mitgebracht und gehegt und gepflegt hatte, so verloren, so unbewußt, daß er-nachher ttotzig fragte: warum ein zweiter Churbar, da ich doch trat geblieben war? des Vaters, der Cautelen über Cautelen machte, um den dicken Rock und das wenige Hausgerümpel zu behüten, die unsre hohe Religion auf der übereilten Flucht mit sich genommen, aber ihren Götterleib selbst offen ließ all dem Schmutze der Heiden! Aber wenn^nun auch unsere Zähne stumpf sind, so liegt es wahrlich nicht blos daran, daß unsere Vorfahren Härlingsbeeren gegessen, sondem weil wir gebildete Leute noch hmte davon wohlgekocht und neumodisch zugerichttt zehren. | Wir müssen die alten Autoritäten schonen, saget ihr, j die Heiligthümer unseres Volkes, den Ofen, der uns im ver-